Mittags, wenn die Schatten verschwinden, wagt sich nur auf die dampfenden Straßen, wer unbedingt muss: Obstverkäufer, Boten, Chevroletfahrer mit Strohhüten. Und die Besucher, immer zwei mit Kameras, Rucksäcken und Stofftaschen, die mit stiller Neugier und stoischer Entschleunigung gegen die Hitze angehen. Sie retten sich von Dachvorsprung zu Dachvorsprung, auf der Suche nach einem sonnengeschützten Fleck, auf der Flucht vor den pfeifenden, zischenden Taxistas. Dann Slalomlauf entlang der Hauswände. Jede Tür steht offen, davor spanisch-koloniale Gitter oder keine, dahinter eine Vielfalt an Lebensweisen, die sich für eine Sozialstudie eignet. Alte Männer in Schaukelstühlen, aus deren Trainingsanzügen Zigarren ragen, die Fernsehen oder auf Wände starren, von denen der Putz blättert. Junge Frauen in blau-weiß-rot-gemusterten Sportleggings neben alten, grauen Frauen in Blumenkleidern, die auf der Türschwelle sitzen und den Besuchern abwägend nachsehen. Mütter mit Babys auf schweren Sofas, die zur Straße gerichtet sind, denn wo sonst spielt sich das Leben ab? Unter der Aufschrift Comiteo de la Defensa de la Revolución sitzen zwei schlaksige Männer auf gewebten Plastikstühlen und trinken Cola, zu ihren Füßen ein bekritzeltes Schild, auf dem die Abschottungspolitik als Riesenschwachsinn bezeichnet wird. Keine Siesta auf der Welt, das wissen sie auch ohne Vergleich, in der es mehr zu sehen gibt als in Havanna.

 

Der Tag hat gut begonnen, mit zartem Sonnenschein und tiefem Blau über den Backsteinschluchten. Alle sind draußen: Anzugträger auf dem Weg in die Siesta, schnaufende Jogger, junge, mit tiefen Stimmen und prächtigen Kinderwägen ausgestattete Frauen, Skater, Rastazöpfe. An jeder Kreuzung der Ramblas Hinweise auf das Frühlingswochenende. Es sind die letzten Tage des andalusischen Karnevals, der den Aschermittwoch missachtend erst am Sonntag mit der Verbrennung einer riesigen Sardine endet. Vorausgesetzt, es ist nicht zu stürmisch. Sonst endet er eben nicht.

Die Schwalben bemerken es zuerst und sichern sich die besten Plätze zum Windsegeln: fünf Stockwerke über der Brandung, nahe den Dächern der Hotels und Mietshäuser an der Promenade, dort, wo die Böen aufschlagen und ihre Kraft verlieren. Dann merken es die Hunde. Sie schnuppern und zerren an ihren Leinen, aber ihre Besitzer ziehen sie weiter, fasziniert vom Rauschen des auflandigen Windes, dem plötzlich schäumendem Meer, der allgemeinen Aufregung am Wasser. Erst wirkt es, als ließen sich die Einheimischen nicht beirren. Während die Äste der Palmen im Wind knacken, heben sie die Köpfe und senken sie wieder, vor ihren Füßen bilden Plastiktüten und herabgefallene Blätter Knäuel. Dann laufen sie mit ihren Einkäufen, den Aktentaschen und Rücksäcken weiter. Kinder, sich im Sog des Windes umkreisend. Die Markisen knallen, die Stühle auf der Strandpromenade, die weitsichtige Kellner schon verkettet haben, ruckeln, und so tobt der Sturm über das Wasser und die Promenade in die Straßen der Innenstadt hinein. Es sind dann doch nur noch überrumpelte Touristen übrig, als er mit Wucht um die Häuserecken prescht, an denen gerade noch Rentner saßen und Bier aus handlichen Gläsern tranken. Die Bewohner der Stadt haben sich in ihre Hauseingänge zurückzogen, blicken interessiert, wie Zuschauer eines Schauspiels, allem nach, was der Wind davon trägt. „Ein bisschen zugig heute“, murmelt ein Wirt, der geduckt seinem Hut folgt. In diesem Jahr endet der Karneval von Almería nicht.

 

Es ist früh am Morgen und die aufgehende Sonne wirft die Wanderer als grotesk verlängerte Schatten auf den Asphalt. Wäre alles normal, würde man um diese Uhrzeit den Wecker wegdrücken. Aber nichts ist normal, denn auf dem Jakobsweg besteht die Dämmerung aus Schritten. Am Ende eines Tages sind es 44365, manchmal auch 51666. Gründe, die in diesem Moment nicht mehr nachvollziehbar sind, haben irgendwann für eine Begehung des Camino del Norte, der anspruchsvollen Küstenroute durch das Baskenland gesprochen. Immerhin: Wenn man erst einmal pilgert, fragt man nicht mehr nach dem Warum. Man läuft eben. Wanderer, die behaupten, man laufe einfach nur, lügen allerdings. Man hört auch den Bettnachbarn in der Pilgerherberge beim Schnarchen zu, rationiert Proviant, lernt, gute Pflaster von Pflastern, die diese Bezeichnung nicht verdienen, zu unterscheiden.

Im Frühjahr sind auf dem Küstenweg noch wenige Pilger unterwegs. Man erkennt sie an den großen Jakobsmuscheln, die sie als zusätzlichen Ballast herumtragen. Die Gruppe Spanier, die uns einige Kilometer hinter San Sebastián begegnet, ist dagegen völlig unbepackt. „Bis Bilbao in fünf Tagen!“, rufen die Männer, während sie uns leichtfüßig überholen. Das Gepäck liegt im Auto in San Sebastián. Dorthin zurück wollen sie abends von Zarautz mit dem Zug. Am nächsten dann mit dem Auto wieder nach Zarautz, weiterlaufen und abends mit dem Zug zurück. Und so weiter. Viel unbeschwerter, sagen sie.

Gegen Mittag erreichen wir den Hafenort Orio. Dort sitzen die Spanier neben der Kirche in der Sonne und heben vergnügt die Biergläser. Ihr Sprecher, ein kleiner Runder, stellt die Gruppe vor: Rentner aus Barcelona. Mindestens einer sieht verdächtig jung aus, aber hier eine Debatte über den Ruf der Südeuropäer als Lebemänner riskieren? Um Himmelswillen, nein. Spanien raube den Katalanen das Geld, da könne man das Arbeiten auch gleich sein lassen, erklärt der kleine Dicke. Die Basken verstünden wenigstens, was es bedeute, verzweifelt nach Unabhängigkeit zu streben. Als wir aufbrechen, lassen sich die Separatisten gerade Spieße mit Oliven und Anchovis bringen. Während der nächsten 7000 Schritte erarbeiten wir den Erwerbszweig „Pilgern für Bequeme“. Sommerrodelbahnen statt Abstiege, Stände mit Verpflegung und Banner mit aufmunternden Sprüchen, ein abendlicher Shuttleservice zu den besten Restaurants, Fußbäder, die nach Jasmin duften. Es würde die Wirtschaft ankurbeln. Womöglich blieben die Erträge sogar als Dienst am Glauben steuerfrei. Es würde das Land einen!

In Zarautz angekommen, machen wir an der Strandpromenade halt. Wenig später erreichen die Katalanen die Bucht, ziehen ihre Schuhe aus und springen johlend in der Gischt. Einer entdeckt uns, winkt fröhlich, sein Mund formt Worte, die in der Brandung untergehen. Wir traben weiter. Laufen, einfach nur.