Die Zuflucht - F.A.Z.

Die Zuflucht - F.A.Z.

Das Bahnhofsviertel verändert sich, aber das "Moseleck" bleibt dasselbe. 22. Stunden am Tag ist die Gaststätte offen. Für Neugierige, für Spätheimkehrer und jene, die nicht weiter wissen.

Der Tag beginnt früh und nüchtern. Jeden Morgen um sechs Uhr schließt Harald Statt, genannt Harry, Inhaber des "Moselecks" seit 1995, die Tür auf und lässt die Stadtluft hinein, macht seine Abrechnung, sieht nach, was fehlt, steckt den Strom an und befüllt die Bar. Dann schaut er vor die Tür und prüft, ob draußen schon jemand wartet – nur zur Sicherheit. Die Zeiten, in denen die Leute schon vor Schichtbeginn kamen, sind vorbei, sagt Harry Statt. Wer hat denn morgens schon noch Zeit zum Trinken?

Das "Moseleck" ist ein Zufluchtsort. Eine Anlaufstelle für all jene, die tags oder nachts im Bahnhofsviertel unterwegs sind und ihr Ziel nicht kennen. Die auf der verblichenen Karte am Eingang zwischen Asbach Uralt und Mumm-Sekt etwas finden, was sie lockt, bezahlbar mit Münzen, Scheinen oder der Visakarte. Wer sich erst einmal hineingetraut hat, fällt zwischen Spielautomaten und Eintracht-Bembeln nicht weiter auf, auch wenn er Plastiktüten statt einer Tasche trägt oder einen schweren Kopf hat, der hin und wieder auf die Theke gelegt werden muss. Manchmal murmelt dann einer: „Ist schon gut“ und klopft wohlmeinend auf einen krummen Rücken. Hier will dir keiner was.

Zwischen sechs und vier, so steht es wie ein Motto über der Tür, hat das "Moseleck" geöffnet: 22 Stunden am Tag. Dafür hat Harry Statt eine Tag- und eine Nachtmannschaft, die den Ausschank machen und dafür sorgen, dass drinnen Frieden herrscht. Auf kaum mehr als 40 Quadratmetern ist das gar nicht so einfach. Manchmal stehen zwielichtige Gestalten in die Morgensonne auf den Gehweg und rufen immer wieder „Hans“ oder „Gerd“, ohne sich der Schwelle zu nähern. Bis Hans oder Gerd, runder Bauch und Karohemd, aus dem Dunkel erscheint, „Heute nicht! Kommt morgen wieder“ bellt und sich umdreht. Drinnen ist die Zuflucht. Es ist zehn Uhr morgens, sie spielen „Am Tag, als Conny Cramer starb“ und das "Moseleck" ist voll.

Wer sind die Menschen, die in einer schmucklosen, 117 Jahre alten Bahnhofskneipe ein- und ausgehen? „Normale Leute“ steht auf der Website, und „Messebesucher aus aller Welt“. Von den Messebesuchern, gibt Harald Statt zu, kommen nicht mehr allzu viele, seit es die S-Bahn-Haltestelle am Messegelände gibt. Überhaupt sei jetzt ja alles im Wandel. Früher habe er morgens für die Postbeamten und Taxifahrer geöffnet, abends habe der Einbrecher neben dem Bankdirektor an der Theke gestanden.

Und jetzt?

Da sind Stammgäste wie Karl mit der Kappe, der die Welt gesehen hat. Er kommt früh genug, um den Verlauf des Abends mitbestimmen zu können, und geht spät genug, um sich am nächsten Tag an wenig erinnern zu müssen. Seinen Trenchcoat lässt er meistens an. „Was kostet die Welt!“, ruft Karl, wenn er jemanden dazu überreden will, ihm einen Drink auszugeben. Dann erzählt er, dass er aus Aschaffenburg kommt, Spanien kennt und nach Costa Rica will. Costa Rica, das wäre es: Ewige Sonne und die schönsten Frauen. Karl nuschelt. Seine Freunde im Moseleck neigen die Köpfe, wenn sie ihn verstehen wollen.

Dann gibt es die Neugierigen: Studenten, auch aus dem Ausland, und Touristen mit Pailletten-Handtaschen, die gelesen haben, dass das Herz Frankfurts im "Moseleck" schlägt. Sie gehören dazu, weil sie für Unterhaltung sorgen, weil sie Stammgäste belustigen und überraschen. Wenn sie nicht wissen, dass Doornkaat ein dreifach gebrannter Korn ist und beim Eintreten die Nase rümpfen, nur um sich später genauso zu benehmen wie alle anderen. Wenn Karl gute Laune hat, meistens ist das zwischen elf und zwei, wendet er sich einer Neugierigen zu und erzählt von Costa Rica.

Über das "Moseleck" wurde schon viel geschrieben und noch mehr gesprochen: Ein Klassiker unter den Frankfurter Kneipen. Es gilt als kultig, mal ein Bier bei den Fußballfans, den Exzentrischen und Einsamen an der Moselstraße zu trinken, und das Netz ist voll mit Bildern und Sprüchen. "Moseleck" statt Diskodreck. "Moseleck", mon amour. Karl, Hans und die anderen zucken nur mit den Achseln, wenn sie das hören. Und Harry Statt sagt: „Da kommt eins zum annern.“

Nach zwei Uhr weichen die Neugierigen den Heimkehrern. Sie stolpern aus den Bars des Bahnhofsviertels, genehmigen sich auf dem Heimweg noch ein "Absacker-Bier" und verleihen dem "Moseleck" einen stickigen Glanz voll Nostalgie. Drüben in der ähnlich schmucklosen, aber in den vergangenen Jahren zum Treffpunkt der Hipster gereiften "Terminusklause", sitzen sehr junge Wollmützenträger, rauchen und spielen Karten. Einer von Harrys Nachtmannschaft, der mit den Totenköpfen auf dem Oberarm, macht seine Runde: ein Schulterklopfen bei Karl, ein Kurzer mit der Frau in den Lackstiefeln. Wenn gerade nichts zu tun ist, setzt er sich auf die Theke, stemmt die Beine gegen den Holzrahmen der Bar und verschränkt die Arme. Im Regal hinter ihm stehen Flaschen, deren Etiketten mit Edding beschriftet sind: zwei Zentiliter für drei Euro. Die Gäste singen zu „We will rock you“. Später werden sie zu Ehren des toten Tom Petty tanzen.

Bernd ist einer von denen, der bis zum Ende bleibt. Er braucht keine Frauen anzusprechen, er hat genug zum Beschäftigen dabei: die Biografie eines Yogis, Frankfurter Postkarten, die er in schwungvoller Schrift mit Botschaften an seine Mutter versieht, eine Gasflasche zum Feuerzeug-Befüllen. An diesem Abend macht er sich eine Dose Thunfisch in Öl auf, und als der Geruch von Rauch und Fisch durch die Kneipe zieht, bringt ihm die Frau mit den Lackschuhen wortlos einen Orangensaft vorbei. Erst dann schaut er auf und fragt, als fielen ihm die Menschen um ihn herum zum ersten Mal an diesem Abend auf: „Seid ihr öfter hier?“ Die Dämonen warten draußen.

Und dann, um vier, muss einer von Harrys Nachtmannschaft die Eingeschlafenen wecken und die Tanzenden von den Tischen holen. Den Laden dicht machen. Harry Statt hat die richtigen Leute dafür, eine Mischung aus Seelsorgern und Türstehern, rauh und herzlich, bedrohlich und integer. Sie müssen ja auch aufpassen, dass das "Moseleck" eine Zuflucht bleibt. "Ach“, seufzt Harry Statt, „das war alles mal anners.“ Er sei inzwischen der einzige deutsche Gastwirt im Viertel. Die Leute hätten Angst, zu Fuß zum "Moseleck" zu kommen, und Parkplätze gebe es auch keine mehr. Und dann die Mieten. 4700 Euro für einen Raum und einen Keller! Früher lief es besser. Aber was soll er machen? Einer muss ja da sein, wenn die Leute nicht wissen, wohin. In einer dieser 22 Stunden.

Gemüse und Gemeinschaft - F.A.S.

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