Alles im Fluss - F.A.Z.

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Das Offenbacher Hafenviertel entwickelt sich zusehends. Noch wird an allen Ecken und Enden gebaut – aber das Leben ist schon da. So viel davon, dass es jetzt sogar die Frankfurter in die Nachbarstadt lockt.

Die Camper aus Münster haben nichts gemerkt. Dösend, auf den Knien ein Buch, sitzt sie im Liegestuhl, während er blinzelnd in das reflektierende Wasser des Flusses schaut. Auf der Suche nach einem gemütlichen Fleck zum Rasten haben sich die beiden mit ihrem Wohnwagen am Mainuferparkplatz niedergelassen. Warum gerade hier, östlich des Offenbacher Hafens? „Ach, das hier ist nicht Frankfurt?“, sagt der Mann und hebt die Augenbrauen. Ganz schön eigentlich, für Offenbach. Nur ein nettes Café fehle noch. Vom Grillstand nebenan weht der Geruchgebratener Köfte herüber.

Wer an einem dieser Frühlingswochenenden auf die Idee kommt, inmitten von Tausenden anderen Radlern am Mainufer von Frankfurt in Richtung Osten zu fahren, müsste nur zehn Minuten die Augenschließen, dann würde auch er nichts merken. Dann hätte er das Betonmeer rund um den Kaiserlei-Kreisel, die Discounter und Industriehalden hinter sich gelassen. Wer dann die Augen öffnet, sieht vieles von dem, was es zuvor schon in Sachsenhausen zu sehen gab: Rennräder, Jutebeutel, schöne, junge Menschen. Am Kultur-zentrum „Hafen 2“ vorbei, wo die Kunststudenten Milchkaffee trinken, dann kurz noch einmal Augen zu, wenn sich zur Rechten die Kohlehaufen türmen. Der Mainradweg führt am Hafengarten entlang, wo jeder anbauen darf, was er will, und die vertrockneten Stengel des vergangenen Herbstes noch aus den Pflanzenkübeln ragen, als wollten sie andeuten, dass hier alles im Werden ist. Und dann? Der blaue Kran aus der Zeit des Industriehafens, die blitzblanke Hafentreppe, Slalom durch zarte Birken und spielende Kinder, bis er kommt, der grüne Parkplatz der Münsteraner. Auf einem Schild an einer Unterführung, die zum Fluss führt, steht: „Willkommen in Offenbach am Meer“.

Das neue Offenbach liegt ganz nah am Wasser. Auf dem ehemaligen Gelände des Industriehafens, wo vor ein paar Jahren noch kein Haus stand, ist ein neues Stadtviertel entstanden. Die Wohnanlage „Hafengold“ glitzert wie auf einem Projektplakat in der Sonne, nur an einzelnen Gebäuden stehen noch Gerüste. Ein Großteil der 200 Eigentumswohnungen ist schon verkauft, die Häuserblöcke in der zweiten und dritten Reihe werden gerade vermietet. Knapp 3000 Menschen können dann in der Gegend am Hafen leben. Büroflächen, Firmen und die Hafenschule fehlennoch. Aber das Leben ist schon da. „Wir sind selbst überrascht, wie schnell das ging“, sagt Ulrich Lemke, Hafenprojektleiter der Stadtwerketochter OPG. Jetzt steht das Viertel unter Beobachtung. Kommen neben den Besserverdienern auch junge Familien ohne Sportwagen? Ist noch Platz für die alteingesessenen Offenbacher? Wie viel Vielfalt passt auf 26 Hektar Neuland?

Nur ein paar hundert Meter weiter, hinter dem Parkplatz der Münsteraner, stellt sich keiner diese Fragen, jedenfalls nicht an einem Sonntag. Auf den Wiesen am Wasser darf gegrillt werden, und weil heute ein schöner Frühlingsabend ist, grillt jeder. Eine Mischung aus Fleischgeruch und Shisharauch hängt in der Luft. Am Kiosk gibt es nicht nur Dürüm, sondern auch Rindswurst. Da liegen rosa Plastikräder neben Longboards, Aldi-Tüten neben Alnatura-Taschen. Da sitzen Offenbacher nebeneinander, trinken Tee aus schmalen Gläsern und Apfelwein aus breiteren. Ein paar Jungs spielen Basketball: dunkle Haarschöpfe gegen Sommersprossen-Arme. Aber Torsten Kauke, der ein paar Meterweiter im Güterwaggon über dem Tresen lehnt, stellt sich die Fragen. „Die Entwicklung geht ja schon eine Weile so“, sagt er, während auf der anderen Seite des Waggons eine Trommelsession beginnt. Er hebt die Stimme, und sein Blick unter dem grauen Haarschopf verdüstert sich: „Die Massen werden schon noch kommen.“ Kauke meint vor allem die Frankfurter, die sich die Wohnungen am Hafen leisten können oder das Viertel für ihre Feierabende entdecken. Im „Hafen 2“, hat er gehört, sitzen fast nur noch Besucher. Natürlich hat Kauke nichts gegen Frankfurter, aber er mag das Nischenpublikum bei seinen Konzertterminen, und viel voller muss es nach seinen Maßstäben auch nicht werden. Den Kulturwaggon auf dem übriggebliebenen Gleis der Hafenbahn, die bis 2004 Güter der Frachtschiffe transportierte, gibt es jetzt seit neun Jahren. „Die Leute wissen, was sie hier erwartet“, sagt Kauke, ein ehemaliger Student der Hochschule für Gestaltung. „Ist halt ein Waggon.“

Andere haben entschieden, dass sie von der Veränderung profitieren wollen. Nur ein paar Meter weiter liegt die „Backschaft“ vor Anker. Marco Sönke, einer der Inhaber des blauen Restaurantschiffs, das im vergangenen Herbst aufgemacht hat, kommt gerade an Land. Gemeinsam mit Gunnar Ohlenschläger, einem Offenbacher, und einer ausgewählten Küche hat der Diskjockey aus Frankfurt neue Besucher ans Mainufer gelockt. Viel Gastronomie gab es bis dahin nicht am Wasser. „Wir wollten genau hierher“, sagt Sönke. Wenn er früher in Frankfurt am Mischpult stand und auf die Clubgäste blickte, erinnert er sich, tanzte da ein Querschnitt der Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet. Heute sei das anders. Nur in Offenbach nicht. Und dieser Querschnitt isst auch in der „Backschaft“. Oder trinkt zumindest, in der Bar im Unterdeck. Oder bald draußen auf der Wiese. Denn dass noch mehr Frankfurter kommen werden, davon ist Sönke überzeugt.

Je näher die Hafentreppe, die Sonnenbalkone, die Cafés und ihre Anspielungen auf die Schifffahrt, desto einstimmiger die Meinung, dass die wohlhabenden Frankfurter ruhig kommen sollen, und desto größer die sichtbaren Unterschiede. Die Hälfte der Hauskäufer ist tatsächlich aus Frankfurt herge-zogen: Von der Insel ist der Weg in die Nachbarstadt und auf die Autobahn nicht weit. Und ein wenig stolz sind die Offenbacher auch auf ihre neue Attraktivität. „Ich fahre abends nur noch selten rüber“, sagt Peggy Halusa, die auf einem Liegestuhl im Lokal „Heimathafen“ sitzt. „Meine Freunde kommen eher hierher.“ Neben ihr steht ein Apfelweinglas, daneben liegen Walking-Stöcke. Sie kommt gerade aus dem Urlaub, Kanaren, und ist gebräunter als die anderen Gäste auf der Terrasse. Halusa wohnt in einer ruhigen Wohngegend im Offenbacher Stadtteil Bürgel, seit sie vor fünf Jahren aus Bad Homburg weggezogen ist, und arbeitet in Frankfurt. Am Anfang, sagt sie, sei sie kein besonderer Fan der Stadt gewesen. Durch die neue Hafenbebauung ist ihr Weg zur Arbeit zwar viel mühsamer geworden, aber das nimmt sie in Kauf, weil sie nun an Tagen wie diesen am Hafen sitzen kann. Am Mainufer ist es ihr wegen der vielen Grillaktivitäten zu dreckig. „Meinen Freunden gefällt es, weil es hier noch nicht so überlaufen ist“, sagt Halusa. Wenn sie morgens joggen geht oder doch einmal nach Frankfurt fährt, ist trotzdem immer etwas los. Als das noch nicht so war, hat sie sich einmaleine der „Hafengold“-Wohnungen in derersten Reihe angeschaut: „Einfach, um das mal zu sehen.“ Maisonette, 850 000Euro für 110 Quadratmeter. Aber dann fiel ihr auf, dass unter den anderen Käufern viele Banker waren – und Manager, die nach kurzem wieder umzogen. Also blieb sie lieber in Bürgel.

Auf der anderen Seite des Hafenplatzes, dort, wo es nur eine Sitzbank gibt und keine Liegestühle, scharen sich die Jugendlichen, die nicht zu Familienspaziergängen gedrängt werden und den ganzen Tag draußen unterwegs sind. Sie zeigen einander Handyvideos, schubsen sich herum und blicken von Zeit zu Zeit hinüber zu den Stehtischen, auf denen der Aperol Spritz leuchtet. In der Mitte zwischen den beiden Welten verläuft die Hafentreppe. Es müsste nicht besonders stören, dass der Hafenplatz weniger zum Kontakt der verschiedenen Bewohner der Stadt einlädt als das Mainufer: solange die gemeinsame Nutzung friedlich bliebe. Aber die Beschwerden über Ruhestörungen junger Leute an der Hafentreppe häufen sich schon, und die Sorge, dass auch auf dem Hafenplatz immer mehr Müll landet, nimmt zu. Die Offenbacher Piratenpartei fordert seit Anfang des Jahres mehr Mitsprache der Bürger bei den weiteren Planungsvorhaben im Hafen. Der nächste Schritt im Bebauungsplan der OPG ist die Inselspitze. Dort soll ein zweites Zentrum der Hafeninsel entstehen. Im Herbst sollen die ersten Kinder die Hafenschule im Viertelbesuchen. Danach ist das Mainufer an der Reihe: Geht es nach der Stadtregierung, wird Ende 2018 mit der Erhöhung des Maindamms begonnen. Auch dort sollen dann große freie Flächen entstehen. Frei ist gut. Solange alle etwas davon haben

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