Es gibt nichts geschenkt - F.A.Z. Metropol

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Reinhard Ernst baute ein Unternehmen auf, wurde Millionär und leidenschaftlicher Kunstsammler. Nun will er in Wiesbaden ein Museum für seine Sammlung errichten. Doch in der Stadt zweifelt so mancher an seinen Absichten.

Über Johann Friedrich Städel hieß es schon zu Lebzeiten, er sei ein Geizhals gewesen, ein leidenschaftlicher Sammler, gewiss, aber mit unvollendeter Kennerschaft. Dem Ruf des von ihm gestifteten Museums in Frankfurt schadete das jedenfalls nicht: Jedes Jahr zählt es, rund200 Jahre nach Städels Tod, zwischen 311 000 und 650 000 Besucher.

Über Reinhard Ernst heißt es, er sei ein Mann mit Prinzipien. Ernst ist 71 Jahre alt, drückt sich gewählt aus und spricht angenehm selten über seine Errungenschaften. Seine Schuhe sind poliert, seine Anzüge sitzen und geben dezente Hinweise auf seinen Hang zur Kunst. Dazu ein akkurat geschnittener Bart, mehr Dalí als Wilhelm II. Kurz: Er sieht genau so aus, wie man sich einen Mäzen vorstellt, der der Stadt Wiesbaden ein Kunstmuseum schenken will.

Doch das ist bei weitem nicht so einfach, wie er sich das vorgestellt hat. Das liegt auch an seinem Ruf. In diesen Tagen macht sich Ernst viele Gedanken darüber, wie er wahrgenommen wird: „Als Reicher, der sich ein Denkmal schaffen will“, sagt er. Dabei hat er einmal bei null angefangen; dabei ist er bereit, einen großen Teil seines Vermögens herzugeben. Doch das scheinen längst nicht alle Wiesbadener anzuerkennen.

„Mein Denkmal steht eigentlich in Limburg“, sagt Ernst. Dort hat er die Firma Harmonic Drive zu einem international führenden Hersteller von Präzisionsgetrieben und Antriebssystemen gemacht. Das japanisch-amerikanische Unternehmen hatte 1971 seine Arbeit zunächst in Langen aufgenommen, Ernst wurde dort einer der ersten Mitarbeiter, zuständig für den europäischen Vertrieb der in Japan hergestellten Getriebe. Als die Firma zunehmend Verluste schrieb, übernahm Ernst sie 1986 in einem Management-Buy-out, gemeinsam mit drei Kollegen. Von da an expandierte Harmonic Drive, bot zunehmend auch Motoren und Systeme an und zog 1988 nach Limburg.

2016, als das Unternehmen 400 Mitarbeiterzählte, eine Tochtergesellschaft mit 150 Mitarbeitern rentabel gemacht war und einen Umsatz von 94 Millionen Euroerwirtschaftete, verkaufte Ernst seine Anteile nach Japan. Ein Teil des Ertrags ging an seine Grundbesitzgesellschaft Interglobal, ein Teil floss in seine Stiftung. Nun will er sein zweites Lebenswerk, seine Kunstsammlung, an einem neuen Ort unterbringen. Doch schon in Limburg wollten sie sein Museum nicht, also bietet er es den Wiesbadenern an.

Warum ist es so schwer, einer Stadt ein Museum zu schenken? Ernsts Unterfangen begann mit einer vorsichtigen Anfrage vor einigen Jahren. Er könne sich vorstellen, seine große Sammlung abstrakter Kunst der Nachkriegszeit der Stadt Wiesbaden in einem Ausstellungshaus zur Verfügung zu stellen. Die Reaktion der Landeshauptstadt: Keine Antwort. Dabei ist Wiesbaden trotz der vielen wohlhabenden Bürger nicht gerade verwöhnt mit privaten Angeboten zur Kunstförderung. Natürlich hätte Ernst seine Werke auch einem schon bestehenden Museum schenken können, wie es der Mäzen Ferdinand Wolfgang Neess im Frühjahr mit seiner Sammlung von 570 Jugendstil-Werken getan hat, die an das Museum Wiesbaden ging. Doch Ernst will selbst entscheiden, was die Öffentlichkeit zu sehen bekommt.

Seit 17 Jahren lebt der Unternehmer in der Stadt. Seine Frau ist hier aufgewachsen, er sagt, er fühle sich selbst als Wiesbadener. Kinder hat das Ehepaar nicht. 2004 gründeten darum die beiden eine Stiftung, um das Vermögen zu verwalten, und begannen, denkmalgeschützte Gebäude im Osten der Stadt zu restaurieren. Besonders gut vernetzt war Ernst in Wiesbaden nie, denn der Sitz seiner Firma war in Limburg, aber das störte zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In Eppstein, seinem Heimatort, errichtete er für zwei Millionen Euro eine Musikschule. Auf die Kunst, sagt Ernst, sei er auf seinen Geschäftsreisen gestoßen. Zwischen zwei Terminen fand sich immer Zeit für einen Museumsbesuch. Seine ersten Anschaffungen: eine Zeichnung von Hubert Berke, eine von K. O. Götz. Sie gefielen ihm einfach.

Rund 600 Werke hat er inzwischen, die meisten lagern in einem Depot in Limburg. Eine so große Sammlung zusammenzustellen erfordert Ausdauer, Expertise und gute Bekanntschaften. Die Mühe macht sich niemand, um dann die Werke im Depot zu verbergen. Schon gar nicht, wenn er sie keinem Nachkommen überlassen kann.

In Ernsts Büro über der Wilhelmstraße hängt ein Georges Mathieu: schwarzer Grund, rote und weiße Spritzer. Vor einiger Zeit entdeckte der Sammler das Pendant, exakt das gleiche Bild, aber auf weißem Grund, am selben Tag entstanden. Er musste es kaufen. Sie sollen einmalzusammenhängen, so wirken sie am besten. Am liebsten würde er all seine Anschaffungen ausstellen, auch die ganzunbekannten und sperrigen, denn für ihn ergeben sie ein großes Ganzes. Dafür braucht er keine anderen Meinungen mehr einzuholen.

Von der Wiesbadener Stadtregierung hat noch niemand die Sammlung gesehen. Zu viele Besucher seien nicht gut für das Raumklima im Depot, sagt Ernst. Das gescheiterte Museum in Limburgverrät viel über Ernsts Ambitionen. Als er der Stadt 2010 das Ausstellungshausanbot, hatte er klare Vorstellungen über Standort, Bau, inhaltliche Ausrichtung und Finanzierung. Schließlich war er der Geldgeber. Alle Gemälde, die er für geeignet hielt, sollten hinein. Die Hälfte der Betriebskosten sollte die Stadt übernehmen, weil Ernst Arbeitsplätze geschaffen hatte, viel Gewerbesteuer zahlte und fand, dass man ihm etwas dafür zurückgeben konnte. Als Symbol der Anerkennung. „Was nichts kostet, ist nichts wert“, sagt Ernst.

Die Kreisstadt lehnte das Vorhaben jedoch ab: Es sei zu teuer. Limburg sei zu klein für eine so spezielle Sammlung. Eine Rolle habe aber auch gespielt, sagt heute ein Sprecher der Stadt mit knapp 35 000Einwohnern, dass der Stifter der Kommune so wenig Spielraum ließ.

Ernst sagt, er habe aus der Erfahrungnur gelernt, dass manche Menschenkleinbürgerlich dächten. Seine Sammlung sei in den vergangenen Jahren jedenfalls noch deutlich im Wert gestiegen. Nun also Wiesbaden. Viele Jahre war über den Bau eines Stadtmuseums am Eingang der Wilhelmstraße diskutiert worden, auf einem der besten Grundstücke der Stadt. Ende 2014 war endgültig klar, dass daraus nichts wird. Es fehlte an Geld. Stattdessen plante die große Koalition, die bis 2016 regierte, ein Hotel für die vielen Tagungs- und Kongressbesucher. Nach den Kommunalwahlen, bei der dieCDU hinter die SPD fiel, stoppten die neuen Stadtverordneten die Ausschreibung. SPD-Oberbürgermeister Sven Gerich beschloss, die Bürger zu fragen.

Und Reinhard Ernst beschloss, noch einen Vorstoß zu wagen. Im Herbstschrieb er an den Oberbürgermeister: Er wolle das Grundstück in Erbpacht übernehmen und mit dem Architekten Fumihiko Maki ein „Art-Center“ errichten. Maki ist Träger des Pritzker-Preises für Architektur, er baute Museen in San Francisco, Toronto und St. Louis. Zudem ist er ein langjähriger Freund von Ernst. Ein Geschenk an die Stadt. Forderungen stellte der Mäzen dieses Mal keine, in einem Interview dachte er laut über die Übernahme von Betriebskosten nach. Die Reaktion war trotzdem zögerlich. Die CDU-Fraktion, die noch immer an ihrem Hotelplan hing, kündigte an, sich mit dem Angebot zu beschäftigen, „sobald ein schriftlicher Vorschlag vorliegt, der einen Konsens in der Stadtverordnetenversammlung findet.“

Wäre es nicht ein guter Deal? Reinhard Ernst darf seine Sammlung in ihrer Gänze zeigen und erhält dafür die Anerkennung, die ihr seiner Ansicht nach gebührt – und die Stadt bekommt ihr Museum.

Nein, sagt stellvertretend Mario Bohrmann, der mehr als 20 Jahre als Versicherungsmaklerarbeitete, inzwischen das Stadtmagazin „Lilienjournal“ herausgibt und sich für das Hotel eingesetzt hat. Der Ernst-Vorschlag sei nicht „massentauglich“. „Die Bürger hätten sich ein Museum gewünscht, aber Ernst ist in letzter Minute vorgeprescht, um sich seinen persönlichen Traum einer Kunsthalle zu verwirklichen.“ Da ist er, der Denkmalvorwurf.

Als das Verfahren anlief, in dem Bürger, Politiker und Mitglieder der Stadtverwaltung über verschiedene Vorschläge für das Grundstück diskutierten, verkaufte Ernst gerade seine Firma. Er habe damals keine Zeit gehabt, sein Projekt dort vorzustellen, sagt er heute. Vielleicht war er auch zu stolz: dass ein Mäzen ein Angebot auch noch in einer öffentlichen Debatte begründen und verteidigen muss, ist unüblich. Das übernahm damals für ihn Alexander Klar, der Leiter des Museums Wiesbaden. Er kennt die Sammlung und glaubt, dass die beiden Museen von der Nähe zueinander profitieren würden. Die Sammlung Ernst umfasse etwa 400 museumswürdige Werke, sagte Klar in der Versammlung, darunter 25 künstlerische Ikonen. Von einer Übernahme der Betriebskosten war da aber keine Rede mehr. Niemand rechnete mit einer Entscheidung zugunsten des Museums. Bis die Bürger die Empfehlung abgaben, das Angebot von Ernst anzunehmen. Nun musste auch der Oberbürgermeisterreagieren. Gerich stellte fest, das Verfahren habe gezeigt, welche Vorteile das Museum bringe: die öffentliche, nachhaltige Nutzung, die hohe Anziehungskraft. Er lud Ernst zu sich ein. „Es war an dieser Stelle einfach die beste Idee“, sagt der Mäzen.

Museumskritiker Mario Bohrmann dagegen sagt: „Hier haben sich Bürger Mühe gegeben, und jetzt werden sie doch wiederausgeschlossen.“ Man könne sich nicht auf einen Architekten festlegen lassen. Überhaupt habe die Stadt schlechte Erfahrungen mit Stararchitekten. Das Stadtmuseum sei an einem Millionenentwurf von Helmut Jahn gescheitert. Wenn diesmal „nichts Brauchbares“ dabei sei, so Bohrmann, werde das Projekt wieder „krachend scheitern“.

Er ist nicht der Einzige, der so denkt. Aber Ernst hat dazugelernt. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion bot er an, dass Fumihiko Maki seinen Entwurf öffentlich vorstellen könne. Mit Anregungen könnten sich die Bürgerdirekt an die Stadt wenden. „Einzelne Bilder der Sammlung sind im Museum Wiesbaden zu sehen, und Herr Ernstplant die Herausgabe einer kleinen Broschüre mit Beispielbildern“, ließ die Stadtregierung wissen.

Als Nächstes wird Reinhard Ernst nach Japan fliegen und mit Maki den Entwurf besprechen, der dann im September diskutiert werden soll. Ein Gutachter prüft gerade den Wert der Sammlung. Ernst muss aus seinen 600 Werken eine Auswahltreffen, denn Platz für alle wird nicht sein. Es fällt ihm schwer, er will nicht, dass die Sammlung zerrissen wird. „Das wird auch im Vertrag des künftigen Museumsdirektors stehen“, sagt Ernst. Eines Tages die Kontrolle abzugeben, wird ihm noch schwerer fallen. Bis Jahresende sollen die Stadtverordnetenabstimmen, ob sie mit dem Projekteinverstanden sind.

Jetzt, wo es gut aussieht für sein Museum, kann es Ernst nicht schnell genug gehen. Seine Vorstellung, dass das Museum bis 2020 steht, hält die Stadtregierung für „äußerst ambitioniert“. Aber er hat sich nicht jahrelang dafür eingesetzt, um es im letzten Momentscheitern zu sehen. „Am Ende wird es wohl doch ein Denkmal“, sagt Ernst. Für die Stiftung. Für die Kunst. Und ein bisschen auch für seine harte Arbeit.

 

Gemüse und Gemeinschaft - F.A.S.

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Alles im Fluss - F.A.Z.

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