Gemüse und Gemeinschaft - F.A.S.

Gemüse und Gemeinschaft - F.A.S.

Im Rhein-Main-Gebiet schrumpfen vielerorts die Ackerflächen. Die Ansprüche der Städter an die Bauern und die Produkte vom Land aber wachsen. Über eine Initiative, die mehr als gutes Essen will.

Das Plenum tagt auf Bierbänken in einem Hinterhof in Frankfurt-Eschersheim. Mehr als zehn Leute werden es nicht an diesem Sommerabend neben der Garage mit den Kisten voller Erbsen und Karotten, Mangold und Zwiebeln. Wegen des Gemüses sind sie hier. Damit es in die Garage kommt, die regelmäßig befüllt wird, müssen alle mitdenken. Seine vergrößerte Hofgemeinschaft nennt der Bauer, der die Waren am Vortag nach Frankfurt gebracht hat, die Gruppe. Heute diskutiert die Initiative Solidarische Landwirtschaft, kurz „SoLawi“, über Geld. Der Landwirt hat Ausgaben, er braucht mehr Lagerplatz, einen Kühlraum. Und dann sind da noch die Apfelbäume. „Die zahlen sich halt erst in ein paar Jahren aus“, sagt eine Frau. Da steht sie auf einmal im Hinterhof, die Frage: Wie weit geht Solidarität?

Ende März in einem Café in Alt-Niederursel. Martina Feldmayer, die landwirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen im Hessischen Landtag, hat unter dem Titel „Was ist solidarische Landwirtschaft?“ eine Veranstaltung organisiert. Der Raum ist voll, neben ihr sitzt Bärbel Praetorius von der Frankfurter „SoLawi- Initiative“, auf der anderen Seite Kreislandwirt Matthias Mehl. „Wir haben immer noch viele Landwirte in der Gegend“, sagt Feldmayer. „Ist die solidarische Landwirtschaft eine Option für sie?“, fragt sie in den Raum. Praetorius, eine besonnene Frau mit grauen Locken, greift zum Mikro. Viele Landwirte hätten ihr signalisiert, dass ihnen die Idee, der solidarischen Landwirtschaft, bei der mehrere private Haushalte Teile der Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs tragen, wofür sie im Gegenzug Teile seiner Ernte erhalten, gefalle. „Sie wollen vielseitig anbauen“, sagt Praetorius, und das sei für konventionelle Bauern nicht mehr rentabel. Selbst in der Biolandwirtschaft könne nur der Bauer bestehen, der sich spezialisiere.

Dann ist Matthias Mehl dran. Er sei froh um jeden Betrieb, der erhalten werden könne, sagt er. Jeder Quadratmeter Ackerland um Frankfurt werde inzwischen zu Baufläche. Konsumenten und Landwirte hätten sich auseinandergelebt, die Bauern seien verunsichert. „Aber in der solidarischen Landwirtschaft nimmt man sich eben aus der Kette raus.“ Er meint den Kreislauf von Ertrag, Absatz, Wirtschaftlichkeit und Wachstum: das konventionelle landwirtschaftliche System.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wächst die Idee der solidarischen Landwirtschaft. Vor vier Jahren gab es deutschlandweit kaum mehr als ein Dutzend Gruppen, die damit experimentierten, einen Bauern für ein Wirtschaftsjahr finanziell abzusichern, inzwischen sind es mehr als 100. Drei Gruppen gibt es allein in Frankfurt. Die Initiative, zu der Bärbel Praetorius gehört, hat ihre Mitgliederzahl in drei Jahren verdoppelt, jetzt wurde eineWarteliste angelegt. Studenten verfassen wissenschaftliche Arbeiten über das Projekt.

Bei „SoLawi“ sind die Mitglieder der Gruppe Koproduzenten, die einen oder mehrere landwirtschaftliche Betriebe nach bestimmten Regeln finanzieren und dafür beim Anbau mitreden dürfen. Anders als bei alternativen Versorgungsangeboten wie etwa der im großen Stil bei Erzeugern einkaufenden Food Coop müssen sie das akzeptieren, was die Ernte hergibt, und ihren Beitrag auch im Winter leisten, wenn kaum etwas wächst. Einmal im Jahr werden die Anteile bei einer Bieter-Runde verteilt. Dann schätzt jeder anonym, was er zahlen kann. Am Ende muss die Summe dem entsprechen, was der Bauer für seinWirtschaftsjahr veranschlagt. In der Frankfurter Gruppe sind es in diesem Jahr 60 Anteile, die vergeben wurden.

Ein heißer Sonntagnachmittag im Juni, Erdbeerfest auf dem Birkenhof in Egelsbach, wo das Gemüse für „SoLawi“ herkommt. Sieben Mitglieder, darunter zwei aus Darmstadt, sitzen unter einem Pavillon vorWassergläsern. Von Erdbeeren ist nichts zu sehen. Später soll es Kuchen geben, aber weil sehr viele Erdbeerblüten im April erfroren sind, wird nicht ganz so ausgiebig gefeiert. Macht ja nichts, finden die Mitglieder, dafür gab es imWinter umso mehr Rote Bete. Die Rote Bete ist ein beliebtes Thema bei „SoLawi“. Es war so viel, dass die Abnehmer sich am Ende nur damit zu helfen wussten, sie einzulegen. Bärbel Praetorius sagt: „Es ist bereichernd, sich auf einmal wieder Gedanken über Konservierungsmöglichkeiten zu machen.“

Die „SoLawi“-Treffen haben nichts von Genuss. Immer gibt es Arbeit, und meistens sind nur wenige bereit, sie zu tun. Es ist auch Arbeit, sich bei jeder Entscheidung mit der Gruppe abzusprechen und nach Konsens zu suchen. Bärbel Praetorius zum Beispiel will, dass die Bewegung wächst, sich mit anderen Initiativen vernetzt. Ein schmaler Mann mit Bart sagt hingegen an diesem Sonntag: „Es geht doch nicht darum, jemanden von der Idee zu überzeugen.“ Wie andere Mitglieder auch will er, dass das Konzept im kleinen Kreis funktioniert, dass die eingeschworene Gemeinschaft, die es trägt, erhalten bleibt.

Später macht Arno Eckert, der Bauer, einen Rundgang mit der Gruppe. Einige sind zum ersten Mal auf seinem Hof. Zu dem gehören Felder und Scheune, ein Saisongarten für Hobbygärtner, ein Hofladen, das Angebot für Tiertherapie, um das sich Eckerts Tochter kümmert, und ein Schulbauernhof; jede Woche kommen Kindergärten und Schulklassen vorbei. Eckert hatte schon seinen eigenen Kopf, bevor er mit der solidarischen Landwirtschaft anfing. Als die Darmstädter Gruppe ihn vor fünf Jahren fragte, ob er ihr Versorger sein wolle, sagte er ja, weil ihm die Idee gefiel. Und auch, weil sie ein Stück Sicherheit versprach. Zwei Jahre später gehörten auch die Frankfurter zu seinen Abnehmern. Um das Biosiegel hat er sich nie bemüht, dafür darf jeder vorbeikommen und sich ansehen, wie er arbeitet. Arno Eckert ist ein Mann mit Glatze, Schnauzbart und Idealen.

Eckerts Verständnis von der „SoLawi“ ist ein idealistisches, das einer großen Familie: Nicht alle arbeiten mit, aber alle sollten sich dafür interessieren, was auf dem Hof passiert. „Nass werden, dreckig werden und schwitzen sollten sie eigentlich auch mal“, murmelt er im Gespräch einmal, aber das wolle er niemandem verordnen. „Man will ja nur ein bisschen was zur Veränderung beitragen“, sagt er.

Ein Dienstagmorgen auf dem Birkenhof. In einer großen Halle steht Ingrid Eckert in T-Shirt und Sandalen zwischen Kisten und Feldmaschinen und wiegt Gemüse ab. Jeden Dienstag wird an drei Depots ausgeliefert, die Menge hängt davon ab, wie viele Mitglieder ihren Anteil dort abholen werden. Gurken, Kohlrabi, Mangold, dicke Bohnen, Erbsenkraut, Blumenkohl sind gerade geerntet worden: Die „SoLawi“-Leute bekommen nachmittags, was nur Stunden vorher aus der Erde kam.

Die Mitglieder haben nach Bohnen gefragt, weil sie ihnen im Vorjahr so gut geschmeckt haben. Also hat Eckert wieder Bohnen gesetzt, obwohl sie arbeitsintensiv sind. Weil sie möglichst viel frisches Gemüse wollen, setzt er mehrfach im Jahr. Außerdem experimentiert er: dieses Jahr mit Haferwurz, einem Wurzelgemüse, das vorher niemand bei „SoLawi“ kannte. „Käse wäre natürlich auch schön“, hat Bärbel Praetorius beim jüngsten Treffen gesagt. Aber sie weiß, dass das viel verlangt wäre, zu viel für den Moment.

Ingrid Eckert ist nicht gutgelaunt. Sie musste früh raus, die Liefertage sind lang und anstrengend. Auf einer Liste trägt sie ein, wie viel jeder Abnehmer aus den Kisten bekommt. „Sonst läuft das schief“, sagt sie, damit habe sie Erfahrung. Weil die Anteile in den Depots von den Mitgliedern selbst abgewogen und mitgenommen werden, ist auch Solidarität untereinander verlangt. Gibt es nur sieben Kohlköpfe, aber zehn Bezugsberechtigte, muss eben jemand verzichten. Ingrid Eckert erinnert sich, wie einmal ein Lauch zerteilt und nur das Lauchgrün übrig gelassen worden sei.

Ingrid Eckert kommt eigentlich aus der Stadt. Sie ist für ihren Mann nach Egelsbach gezogen. Und auch wenn es an diesem Morgen nicht so wirkt, mag sie „SoLawi“: wegen des Experiments, wie weit Solidarität gehen kann. In Darmstadt zum Beispiel gerieten die Mitglieder in einen Streit darüber, ob es gerechtfertigt sei, dass einige weniger zahlten als andere, ohne ihre finanzielle Situation offen darlegen zu müssen. Seitdem ist dort jeder Anteil gleich viel wert und kostet auch gleich viel. Arno Eckerts Wunsch, dass Mitglieder der Initiative mal zum Helfen und Kennenlernen der landwirtschaftlichen Arbeit auf den Hof kommen, wird selten erfüllt. Sie arbeiten ja selbst. Und der Weg von Frankfurt nach Egelsbach dauert eine halbe Stunde, wer hat schon so viel Zeit?

Also stehen Ingrid und Arno Eckert an den Erntetagen um fünf Uhr morgens auf. Im Sommer sind vier oder fünf Erntehelferinnen auf dem Hof, dann geht alles schneller. Sie wissen, wo sie hingreifen müssen, wenn sie Rhabarber schneiden und Tomaten ausgeizen. Mit Laien würde das viel länger dauern. Ein oder zwei Veranstaltungen organisiert Arno Eckert dennoch jedes Jahr, um den Städtern die Arbeit auf dem Feld zu zeigen.

Den Rest erledigt der Bauer allein: Mit einem Lieferwagen macht er sich jeden Dienstag um halb zwei auf den Weg, fährt zuerst ins Depot im Frankfurter Gutleutviertel, dann nach Eschersheim, dann nach Darmstadt. Für die Mitglieder wäre es besser, wenn es mehr Depots gäbe. Viele Frankfurter, die sich für das Projekt interessieren, wollen für das Gemüseversorgung nicht durch die ganze Stadt fahren. Aber einen gut zugänglichen, kühlen und sicheren Platz zu finden, an dem die Ware zwei Tage gelagert werden kann, ist nicht gerade einfach.

In einem Hinterhof im Gutleutviertel wartet Lilian Jörger, um die Kisten entgegenzunehmen. Die Studentin teilt sich ihre Ration mit ihrer WG im Ostend. Im Keller wiegt sie ihren Anteil in einer Blechschale ab und steckt Lauch, Zucchini und Rhabarber in ihre Fahrradtaschen. „Das ist ein bisschen wie auf den Markt gehen“, sagt Jörger. Nur, dass man selbst die Marktfrau ist. Ihr gefällt es, sich beim Kochen an das zu halten, was verfügbar ist. Und sich Gedanken über neue Gerichte zu machen. 75 Euro zahlt die WG im Monat, das ist für Studenten nicht gerade wenig. Aber viele machen eine Grundsatzentscheidung daraus.

Fast alles bei „SoLawi“ hat mit Grundsatzentscheidungen zu tun: Sind wir bereit, uns im Dienste einer Idee einzuschränken? Sind unsere Motive ideologisch oder pragmatisch? Welchen Beitrag wollen wir leisten, und wie weit können wir gehen? Es wird noch viel zu entscheiden geben. Das Plenum am Depot in Eschersheim zählt an diesem Sommerabend trotzdem nur die zehn Mitglieder der Initiative, die über die nächsten Termine sprechen und darüber, wie sich der restliche Rhabarber verwerten lässt (Antwort: einlegen).

Überhaupt ist es schwierig, die insgesamt 60 Leute zählende Gruppe auch nur zur Vollversammlung im Herbst zusammenzubringen. „Alle haben ihren Alltag, und in der Großstadt sind die Wege weit“, sagt Elfriede Harth, eine der Idealistinnen der Gruppe, als sie sich auf den Nachhauseweg macht. Sie glaubt, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis „SoLawi“ im Bewusstsein der Gesellschaft richtig einwurzele. Ob es überhaupt klappen wird mit dem Wachsen, mit der Sensibilisierung der Menschen? „Wie immer, wenn eine Idee zu einer Bewegung wird“, sagt Elfriede Harth mit einem Lächeln, „muss aufgepasst werden, dass auf dem Weg nichtsWichtiges verlorengeht.“ Bis auf dem Birkenhof die Äpfel wachsen, ist noch Zeit.

 

Es gibt nichts geschenkt - F.A.Z. Metropol

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