Auf Strand gebaut - Süddeutsche Zeitung

Die kapverdische Insel Boa Vista ist ein gemächlicher Ort mit vielen einsamen Badestellen. Wahrscheinlich nicht mehr lange

Anscheinend haben seine Worte Eindruck gemacht. Kein Wunder, findet Anderson Lopez de SousaDa Cruz, 28 Jahre alt, Sprachtalent der Insel. Er hat die Reiseleiterin der Gruppe auf dem Marktplatz mal eben auf Deutsch belehrt, sie solle doch nicht nur die besten Restaurants auf Boa Vista herzeigen, sondern auch darüber sprechen, wie die Straßen der Insel gebaut wurden und davon, was man in den Barracas, den Slums, zu sehen bekäme– traute man sich denn hinein. Abends steht Anderson Lopez de Sousa Da Cruz an der Esplanada-Bar auf dem zentralen Platz von Sal Rei, dem Hauptort der Kapverden-Insel Boa Vista, und erzählt, wie ihn die deutschen Touristen mit großen Augen angeschaut haben. Ein bisschen nach Vorstadtgangster hört sich sein Slang an, aber was er nun sagt, hat eine andere Tonlage. „Da kommen Touristen, und keiner zeigt ihnen, was wesentlich für Boa Vista ist“, schimpft er und zupft an den Rastazöpfen, die seinen Kopf sternartig umkränzen.

Eigentlich wollte er die Neulinge an der Esplanada nur über die Zusammensetzung des Nationalgetränks Pontche aufklären, eines mit Rohrzuckermelasse versetzten Grogs, der süß und süffig ist. Aber hier Kommt man eben leicht ins Gespräch, und wer länger als ein paar Tage bleibt, wird von den 4000 Einwohnern Boa Vistas als dazugehörig betrachtet. Wenn es Verständigungsschwierigkeiten gibt, holen sie Anderson, denn der hat bis vor Kurzem in Luxemburg gelebt. Der Großteil der Urlauber, die unlängst die drittgrößte der neun bewohnten Inseln für sich entdeckt haben, versteht weder die Amtssprache Portugiesisch noch das unter den Einheimischen verbreitete Kreolisch. Die Gästezahlen auf den Kapverdischen Inseln sind zwischen 2000 und 2012 jährlich um 17 Prozent gewachsen. 2014 werden erstmals mehr als 500 000 Gäste erwartet, so viele wie die Inseln Einwohner haben.

Noch sieht es aber so aus, als könnte Boa Vista den Ansturm verschlafen. Über den Türen der kaum besuchten Souvenirshops hängen bepinselte Holzschilder: „No Stres“. Die Hauptstadt Sal Rei besteht aus einer überschaubaren Anzahl von Straßen, inmitten derer die herrenlosen Hunde tagsüber schlafen, und einem Supermarkt, der zwischen halb zwei und halb vier Mittagspause macht. Um diese Zeit schlendern Kinder ohne Ranzen von der einzigen Schule zu den bunten Fischerbooten am Hafen, wo ihre Eltern arbeiten. Aber das Kein-Stress-Motto der Hauptstadt verliert zusehends an Gültigkeit, und Menschen wie Anderson versuchen sich zu positionieren: „Wir freuen uns über die Gäste, solange sie uns unsere Mentalität bewahren lassen. Aber das Ende der Armut wird wohl auch das Ende der Entspannung bedeuten.“ Als 2007 der internationale Flughafeneröffnete, entdeckten die Inselbewohner den Tourismus als Einnahmequelle. Da machten auf der Nachbarinsel Sal schon sonnenhungrige Europäer Urlaub, die von dem Geheimtipp der langen, einsamen Strände vor der senegalesischen Küste gehört hatten.

Dass gerade auf Boa Vista die schönsten, leersten Strände zu finden sind, das spricht sich erst jetzt so richtig herum. Anderson möchte vom Tourismus-Aufschwung profitieren. Auch deshalb ist er aus Luxemburg zurückgekommen. Und natürlich wegen seiner Liebe zum Land. Fast alle Ferien hat er bei seinem Onkel in der Heimat verbracht. Seit zwei Jahren ist er nun wieder auf Boa Vista, „weil sich hier am meisten tut, und klar, auch wegen der Strände“. Seine Tourismusagentur, die organisierte Rundfahrten über die Insel anbietet, hat er gerade erst aufgemacht, aber am Vortag war er schon mit einer Gruppevon40Deutschen unterwegs. „Ich bin noch ganz schön geschlaucht. Eine Frau hat eine Panikattacke bekommen Und ist mitten in der Kolonne vom Jeep gesprungen. Wer rechnet schon mit so etwas?“ Dabei rechnet Anderson mit allerlei, denn er kennt die Europäer und weiß, was sie erwarten. „Am liebsten würden sie den ganzen Tag am Praia Santa Mónica liegen, aber auf meiner Tour ist dort eben nur eine Stunde eingeplant. Es gibt doch auch noch anderes zu sehen.“ Mehrere Oasen zum Beispiel, die sich in der Wüstenlandschaft im Inselinneren befinden, und in der ältesten Siedlung Povação Velha erinnern Gebäude und Plätze an die portugiesische Kolonialzeit. Ganz so unverständlich ist der Wunsch der Touristen trotzdem nicht, denn der Praia Santa Mónica kann sich mit seinem Vorbild in Kalifornien messen: 15 Kilometerweißer Sand, kristallklares Wasser. Die meisten kommen über die rudimentären Wege durch kaum bewohnte Dörfer, über hügelige Dünen mit Quads und stellen ihre Gefährte mitten am Strand ab, Platz ist ja genug.

Das wird sich bald ändern. Am Santa- Mónica-Strand plant ein britischer Investor ein großes Hotel, es soll in einem Jahr fertig sein. Bis dahin wird auch eine Asphaltstraße von Sal Rei in den Süden führen, damit den Hotelgästen die Anfahrt erleichtert wird. „Dann haben wir eine weitere Enklave, in der Touristen am Pool liegen, ohne eine Vorstellung von unserer Kultur zu bekommen“, sagt Anderson. „Dann erhält der schönste Strand der Welt endlich die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt“, sagt der junge Rezeptionist, der sich den Künstlernamen Flavio Da Vinci gegeben hat. Er arbeitet im Riu-Hotel am Praia de Chaves südlich von Sal Rei, hat aber noch größeren Spaß daran, in seinem Gelände-Ford auf abenteuerlich löchrigen Asphaltstraßen über die Insel zu pesen. Wenn er Besucher mit auf eine Ausfahrt nimmt und sich damit etwas dazuverdient, folgt er einer festen Route: die Oasen, die Vulkanfelsen, die wenigen Orte der Insel, die Strände. Viel Geschichtliches weiß er nicht zu erzählen, dafür umso mehr darüber, was sich auf Boa Vista dringend ändern muss. Die „unfähigen Portugiesen“, Investoren aus dem Land der unbeliebten ehemaligen Kolonialmacht, hätten ihr Projekt der Hafenerweiterung in den Sand gesetzt. „Dabei brauchen wir dringend Anschluss! Hierwächst ja nichts, schaut euch doch um.“ Sein Blick schweift über die von dürren Ziegen bevölkerten  kargen Hügel, über die Wüstenebenen in  der Ferne. „Unsere Gästewollen exotische Früchte, nicht immer nur Bananen und Ziegenkäse.“

Eine Art gemäßigtes Wachstum hat die Regierung der Insel auferlegt: Mit einem Verbot, den Flughafenweiter auszubauen, soll sich der Touristenstrom weiterhin kontrollieren lassen, dafür wurde die Hafenvergrößerung nun wieder aufgenommen, damit mehr Lebensmittel vom Festland importiert werden können. Vor allem Senegalesen wurden als Arbeiter für das Projekt angeworben, sie kehren am Ende eines Arbeitstages in den Norden der Stadt zurück, in die Barracas, wo es nach einem Spruch der Einheimischen „Frauen, Fußball und gut zu trinken“ gibt, aber vor allem bittere Armut. „Mein Vater ist Fischer, meine Großeltern waren es, und auch die Generation vor ihnen. Keiner hätte gedacht, dass ich es soweit bringe“, sagt Flavio. Er hat einen Stapel Fotos von sich dabei: neben seinem Geländewagen, im Anzug am Eingang des Hotels, immer mit erhobenen Daumen. Am Ende seiner Tour gibt er das Paket am Postamt auf, damit seine Verwandten auf Santiago sehen, wie es um ihn steht. „Kommt wieder und bringt eure Freunde mit“, sagt er statt eines Grußes zum Abschied.

Das sehen auch die Senegalesen so, die ihr Kunsthandwerk in den Souvenirshops anbieten. In einem davon, der gleichzeitig als Restaurant an der Esplanada dient, leuchtet es: knallige Bilder an jedem freien Zentimeter Wand und speisende Gäste In bunten Gewändern im Raumverteilt. Es gibt Thiebou Djenne, ein Reisgericht, das aus dem Senegal nach Kap Verde gelangt ist, als für den Häuserbau billige Arbeitskräfte angeworben wurden. Ein Einheimischer betritt zielstrebig den Laden, ordert eine gigantisch aufgehäufte Portion, zahlt umgerechnet zwei Euro in kapverdischen Escudos und tritt in die Sonne hinaus, um es sich auf dem Bordstein schmecken zu lassen. Wer als Tourist radebrechend dasselbe verlangt, erhält eine gigantisch aufgehäufte Portion, zahlt ebenfalls zwei Euro und wird von der senegalesischen Mutter wortreich über Zutaten, Zubereitung und Familienverhältnisseim Raum aufgeklärt. Ein weiterer glücklicher Umstand: Die aufdringlichen Zurufe der Straßenhändler, an die man sich auf dem Weg zum Strand schon beinahe gewöhnt hat, werden weniger: Integration à la Boa Vista.

Perfekt ist der Melting Pot aber erst abends auf der Esplanada, wenn den örtlichen Livebands die Ehre erwiesen wird. Die Gesichter des Ortes sind bekannt, kaum ein Pauschaltourist verirrt sich abends nach Sal Rei. Flavio und Anderson stehen an der Bar, während sich einige tiefbraune Italienerinnen im Samba-Rhythmus wiegen. Die Melodien aus Brasilien vermischen sich mit ein wenig Wehmut aus dem Fado und den traditionellen Morna-Klängen der Inselbewohner. Die „Königin des Morna“, Cesária Évora, hat in ihrem Album „Café Atlántico“ ein Café am Ende der Welt ersonnen, ein fiktives Refugium für Wanderer und sorgenbeladene Durchreisende, Symbol für alle Hafenbars Der Welt. Ein Ort, an dem unterschiedlichste Menschen zusammenkommen. Die Esplanada in Sal Rei ist ein solcher Ort, denn hier finden sie zusammen, die Inselbewohner und Reisenden, die Gastarbeiter und Seefahrer. Wie lange noch, das weiß keiner so recht.

Malagueños vierter Sommer - ADAC Reisemagazin

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