Bansko gibt Gas - Zeit Online

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Nach 16 Profi-Jahren kommt ein bulgarischer Biathlet nach Hause zurück. Der verträumte Ort ist zu einem Skiparadies herangewachsen. Und auch die Probleme sind größer.

Jeden Morgen gegen sieben, wenn die ersten Skistöcke auf dem Asphalt klimpern und die Sonne sich die steilen Dorfstraßen hinunterschleicht, zieht Michail Kletchorov seinen roten Anzug an, holt die Ski aus dem Keller und trägt sie an den Imbissbuden und Containerläden vorbei zum Berg. Dort steigt er in die Gondel, die über unzählige Tannenwipfel hinweg zur Bergstation schwebt. Um acht Uhr steht Michail auf der Piste, ringsum leuchten die Gipfel des Pirin-Massivs, unten im Tal liegt weiß bepudert sein Heimatort. Manchmal hat er Mühe, ihn wiederzuerkennen.

Als Michail Kletchorov 1984 mit zwei Jahren das Skifahren erlernte, war seine Heimat ein Dorf. Jetzt ist es einer der bedeutendsten Wintersportorte Osteuropas: Bansko, 150 Kilometer südlich der bulgarischen Hauptstadt Sofia am Fuß des Pirin-Gebirges gelegen. Damals waren die Straßen ungepflastert, es gab holzgetäfelte Tavernen und eine Handvoll Kurhotels mit dunklen, schweren Teppichen. Und zwei quietschende Sessellifte.

Damals fuhr Michail auf dem Hausberg Todorka Schwünge, bis er 1999 in den Biathlon-Nationalkader aufgenommen wurde. Das Schießen klappte gut, beim Rennen blieb er im Mittelfeld; Platz 27 war sein größter Erfolg auf der Weltbühne. Zwischen den Wettkämpfen lebte er in Trainingslagern in Russland, Österreich und Norwegen. Dann kam er zurück. Heute sagt Michail Kletchorov, der schmale junge Mann mit dem millimeterkurzen Haar: "In 16 Jahren kann sich viel verändern." 

Wer aus Deutschland nach Bansko kommt, fliegt für gewöhnlich nach Sofia. Manchmal fragen die bulgarischen Beamten an der Passkontrolle, warum man nicht in den Alpen geblieben ist. Beim Durchqueren der Hauptstadt im Shuttlebus fällt die Vorstellung schwer, dass man auf dem Weg in ein modernes Skigebiet ist. Die Fahrer, die nur ein paar Brocken Englisch sprechen, kurven stoisch durch enge, von kaum zu unterscheidenden Häuserblocks gesäumte Straßen und halten schläfrig vor spinnenartig verkabelten Ampelanlagen. Es geht an kommunistischen Denkmälern vorbei und an den baufälligen Häusern der Außenbezirke, hinter der Stadtgrenze liegen Felder und Bauernhöfe.

Und dann kommt Bansko. Das Dorf war früher ein Zentrum der bulgarischen Renaissance, wohlhabend wegen seiner Lage an der Handelsroute zwischen den griechischen Häfen und Mitteleuropa. Während der Jahre, in denen Michail Kletchorov bei internationalen Wintersportwettbewerben antrat, haben Investoren aus der Hauptstadt eine Skiarena in das Gebirge gebaut. Für 30 Millionen Euro entstanden Lifte, 75 Kilometer Pisten, Hotels und Apartments. Vergangenes Jahr zählte der 10.000-Einwohnerort fast 25.000 Gästebetten. Seit Oktober gibt es auch eine neue Autobahn, auf 160 Kilometern verbindet sie den Flughafen von Sofia mit Bansko. Die Investitionen zahlten sich aus, die Zahl der Touristen stieg. Mit ihnen kamen Ramschläden, Fastfood-Restaurants, Stripbars, Souvenirshops, Casinos, Kosmetikstudios, Wettbüros, Après-Ski-Kneipen, Diskotheken. Und dann kamen die Probleme.

Denn das Skigebiet liegt im Herzen des Pirin-Nationalparks, und der gehört zu den neun Unesco-Weltkulturerbestätten des Landes. Die ältesten Bäume Bulgariens stehen hier. Mit seinen Schluchten, den Bergseen, den über 1.300 Pflanzen- und mehr als 150 Vogelarten ist der Nationalpark ein besonders geschützter Ort. Das Skigebiet hat die Unesco schon ausgenommen. Der World Wide Fund for Nature (WWF) kämpft deshalb mit lokalen NGOs und Bürgerinitiativen seit Jahren gegen den weiteren Ausbau der Pisten.

Als die Verwandlung im Jahr 2000 begann, waren die Engländer die Ersten, die sich auf die Immobilien stürzten. Für englische Wintersportler ist jedes Skigebiet eine Flugreise entfernt – und Bansko lockte mit sagenhaft niedrigen Preisen. Sie kauften Apartments und kamen Jahr für Jahr wieder. Pauschalangebote zogen Gäste aus Griechenland, Norwegen und Rumänien an. Die Russen brachten Pomp und Opulenz mit, die Holländer ihre Familien.

Wenn Michail zwei Stunden für sich hatte, wenn er auf der Banderitza und der schwarzen Tomba war, die nach dem italienischen Skirennläufer Alberto Tomba benannt ist, und sich die Pisten immer mehr füllen, wenn die Mittelstation schon so unübersichtlich ist, dass er niemanden mehr erkennt, stellt er sich an den Treffpunkt und wartet auf die Kinder. Aus dem Augenwinkel sieht er Schneehasen und Bären, groß wie Menschen, die sich mit Urlaubern auf Skiern fotografieren lassen. Wintersport in Bansko ist immer auch Winterspektakel. Als Skilehrer verdient Michail pro Stunde umgerechnet fünf Euro. Das ist nicht gerade viel für einen Olympiaathleten, aber Kinder mag er. Sie bringen ihn zum Lachen.

Inzwischen ist Bansko vor allem Familienskigebiet: Es gibt Social-Skiing-Events, Schneemobilfahrten und Nacht-Skitermine für Kinder. Das Gebiet lässt sich in einem Tag abfahren, die Pisten sind perfekt planiert und werden eifrig beschneit, fünfzig Prozent von ihnen blau, nur wenige schwarz, die Abfahrt zur Talstation bildet ein nicht enden wollender Ziehweg. Die Preise sind zwar gestiegen, aber laut einer in der letzten Saison veröffentlichten Studie für das Reiseportal Tripadvisor kostet eine Woche Skiurlaub für eine 4-köpfige Familie im Durchschnitt 2.035 Euro. Im Umkreis der Gondel säumen riesige Hotelkästen mit unzähligen Balkonen und glitzernden Fensterfronten die Straßen. Der Platz, der zum Schlafen da ist, fehlt auf der Piste.

"Ohne Wachstum wird Bansko untergehen."

In der Hütte mit dem knackigen Namen "Blabla" sitzt Gustave Martin mit schlohweißem Haar inmitten seiner Familie und schimpft. "Sie müssen diesen Lift bauen!" Der Franzose ist Rentner und hat sich vor zehn Jahren ein Apartment in Bansko gekauft. Da war der Skiurlaub im Pirin-Gebirge noch beschaulich. Damals konnte er die Enkel mit dem Schlitten einfach hinaus ins Weiße lassen. Jetzt drängen sich in der Hochsaison 10.000 Wintersportler am Berg. Wer nicht wie Michail um sieben Uhr hinauffährt, steht auch mal zwei Stunden vor der Gondel an. Ob eine zweite gebaut wird, ist noch nicht klar. In der Stadtverwaltung hat man sich eine einsilbige Antwort auf Anfragen zu diesem Thema angewöhnt: Es hängt davon ab, wie über den Nationalpark entschieden wird.

Zurzeit prüft das Umweltministerium den Managementplan erneut, seine Vorgaben werden verbindlich sein. Ein bis zwei Jahre wird das dauern, erfährt man bei der Stadtverwaltung. Die Chancen für neue Pisten stehen nicht gut. Gustave Martin sieht es so: "Es muss sein. Ohne Wachstum wird Bansko untergehen." Und seine Frau sagt: "Wo im Winter Pisten sind, wachsen doch im Sommer Bäume." Bansko solle doch bitte sein Potenzial ausschöpfen.

Nicht nur die Naturschützer sehen das anders. Im Februar 2015, als der Damen-Ski-Worldcup in Bulgarien gastierte, wandten sich bulgarische Wintersportler in einem Brief an die Teilnehmerinnen. Sie schrieben, es gebe illegale Pläne, nach denen das Skigebiet zu einer riesigen Arena ausgebaut werden soll. Sie warnten vor den Auswirkungen, die diese Entscheidung auf die Biodiversität und die Natur des Pirin-Gebirges haben würde.

Michail Kletchorov will nichts von dem Brief gehört haben. Über das Nationalpark-Thema spricht er nicht gern. Wie immer hat er in der "Sticks"-Hütte gegessen, wo er einen Rabatt bekommt, weil seine Mutter dort arbeitet. Er hat sein Coaching mit den Kindern beendet und ist den langen Ziehweg hinab ins Tal gefahren. Mit den Skiern auf den Schultern läuft er die Straße in Richtung Stadtzentrum hinunter. Vorbei an Glascontainern, in denen Apotheken und Shops für Winterkleidung untergebracht sind. Vorbei an Diners und Trattorien und Tavernen mit ihren endlos langen Speisekarten; Risotto, Pizza, Schnitzel oder Pommes mit Käse? Vorbei an Skiverleihen, die sich gegenseitig in Superlativen übertreffen. Der, in dem Michail arbeitet, ist günstig an der Hauptstraße gelegen und heißt "Best Ski Service". Jetzt beginnt die Spätschicht.

Es ging einfach zu schnell für Bansko

Wenn es Nacht wird in Michails Heimatort, leeren sich die Straßen. Während die Skiurlauber im Hotel zu Abend essen, dampfen in den Tavernen die Grillplatten. In den höhlenartigen Kneipen abseits der hell beleuchteten Einkaufsstraßen sieht man nur selten Touristen. Hier sitzen alte Männer vor ihrem Rakia-Schnaps, die andere Zeiten erlebt haben, die feststellen, ohne zu schimpfen: dass es einfach zu schnell ging für Bansko. Dass sich etwas ändern muss. Ihre Söhne und Töchter arbeiten für wenig Geld in Hotels und Restaurantketten, die ihren Sitz im Ausland haben. Sie hoffen auf wohlhabendere Besucher, auf bessere Löhne, auf eine Aufwertung des Gebiets. Vielleicht, ja vielleicht bringt die neue Saison neues Glück.

Es war nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi, als Michail entschied, mit dem Profisport aufzuhören. Die Wettkämpfe in Russland waren nicht gut gelaufen, die Bulgaren hatten ein Rennen nach dem anderen verloren. Die Entscheidung sei wie eine Befreiung gewesen, sagt er. Täglich hatte er fünf, sechs Stunden lang trainiert, seine Familie sah er nur wenige Tage im Jahr. "Ich wollte erst einmal nach Hause kommen", sagt er. Aber seine Freunde waren weggezogen. In Bansko sei nichts mehr zu holen, haben sie ihm gesagt.

In den Wochen und Monaten darauf fährt Michail Kletchorov jeden Tag seine Schwünge auf der Banderitza und der schwarzen Tomba. Er gibt Kurse, isst in der "Sticks"-Hütte Pommes, stellt Ski ein. Dann taucht sein Name auf einmal in der Liste für den Biathlon-Weltcup 2016 auf. Ein paar Tage später kommt eine E-Mail aus Tschechien: "Ich bin zurück im Sport." Die Chance, schreibt Michail, konnte er sich nicht entgehen lassen. Also ist er wieder los.

Es hat nicht lange gehalten mit ihm und seiner alten Heimat – sie hat ihn nicht lange gehalten. Aber man müsse sich keine Sorgen um Bansko machen, schreibt er. Es liege genug Schnee. Und nur darauf komme es schließlich an.

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