Die Saubermänner - Süddeutsche Zeitung

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In Südtirol gründet der Wohlstand auf Tourismus und Obstanbau. Nun versuchen ein paar Pioniere, eine andere,am Gemeinwohl orientierte Form des Wirtschaftens einzuführen – das erzeugt Gegenwind

Es gibt diese schicksalshaften Tage, die sich ins Gedächtnis brennen, weil sie das Ende einer Illusion bedeuten und die eigene Sicht auf die Welt verändern. Der Tag, an dem die englische Märchenprinzessin Diana starb, zum Beispiel. Oder der, an dem herauskam, dass Lance Armstrong gedopt war. Für Stefan Fauster aus Sand in Taufers war es der Tag, an dem sie das Schwein schlachteten. Sein Schwein. Es war der Moment, in dem er lernte, dass in der Natur Wertvolles und Notwendiges auf manchmal schmerzhafte Weise vereint ist.

Stefan Fauster, der Radikale, ist ein kleiner, sportlicher Mann. Sein Händedruck ist fest und kurz, der dazugehörige Blick eindringlich, als wollte er sein Gegenüber durchleuchten. Eindringlich auch das, was er seinen Gästen immer wieder sagt: „Wir leben auf Pump. Diese Erde ist nicht unsere. Wir haben sie von unseren Kindern geliehen.“ Als Fauster aufwuchs, ergab sich die Nachhaltigkeit noch von selbst. Auf dem Bauernhof seiner Familie gab es genau so viel, wie man zum Leben brauchte. Wenn Schweine geschlachtet wurden, kannte man ihren Namen. Wenn Wasser verbraucht wurde, hatte man seine Knappheit im Blick. Was seine Kindheit prägte, war die praktische Umsetzung abstrakter Begriffe: Respekt, Resilienz, Bewusstsein. Dieses Denken übertrug er auf sein Hotel.

Sand in Taufers liegt malerisch inmitten von weit verstreuten Dreitausendern. Nur ein roter, spitzer Kirchturm ragt hier aus dem Tauferer Ahrntal empor. Der Reinbach sprudelt in Wasserfällen hinab ins Dorf und versorgt die Bewohner mit Energie. Es ist nicht viel von der Wegwerfgesellschaft zu spüren, über die sich Stefan Fauster jetzt empört. Auch sein Hotel, der Drumlerhof, profitiert von der Wasserkraft. Alles hier kommt aus der Region, das Brot, der Käse, das Holz in den Zimmern. Geheizt wird mit Biomasse. Wenn es Fleisch gibt, wird das ganze Tier verwertet. Auf dem Hof der Familie gießt Fausters 90 Jahre alte Mutter jeden Morgen den Salat für die Gäste, damit er keine Sonnenflecken bekommt. Der Drumlerhof ist eines der ersten Hotels in Südtirol mit Gemeinwohlbilanz. Aber davon will Stefan Fauster nicht reden. Allein dieses Modewort: Nachhaltigkeit! Er sagt: „Nennen wir es doch lieber Enkeltauglichkeit.“

Die Experten für die Enkeltauglichkeit sitzen in einem alten, gelben Gebäude in Brixen, in einer schmalen Gasse gleich hinter dem Torbogen zur Altstadt. Die 21 Mitarbeiter des Terra Institutes haben eine Gemeinwohlbilanz entwickelt, die den Erfolg von Unternehmen bei dem Versuch misst, sinnvoll zu wirtschaften: mit 18 einheitlichen Kriterien für menschenwürdiges und ökologisches Verhalten. Wer regionale Küche anbietet, sollte auch mit regionalen Bauern und Mastbetrieben zusammenarbeiten. Wer Textilien herstellen lässt, muss Arbeitsstunden fair vergüten. Das Terra Institute bringt Südtiroler zusammen, zeigt ihnen, wo Fehler gemacht werden und sorgt dafür, dass sie voneinander lernen. Für eine der führenden Tourismusregionen im Alpenraum ist das nicht immer einfach. „Die Leute wissen doch gar nicht mehr, was sie da einkaufen“, sagt Günther Reifer, der die Idee für das Projekt hatte. „Woher es kommt, wen sie damit unterstützten.“ Er ist es gewöhnt, Prophet zu spielen, und sagt deshalb Sätze wie „jeder Euro ist ein Stimmzettel“. Kurzum: Es gibt viel zu tun.

Karl Luggin, der Neugierige, hat viel getan. Seine Felder und der Kandlwaalhof liegen mitten im Apfelmeer. Wer zum ersten Mal in den Vinschgau kommt, wird von seiner perfekten Monotonie überwältigt. Grüne Wogen, zwischen denen ab und zu wie beiläufig kleine Orte zum Vorschein kommen, über denen der Schatten verschneiter Berggipfel liegt. Auf Feldwegen, die labyrinthartig durch Plantagen mit Vogelnetzen führen, fahren Bauern mit Gifttanks auf und ab, abends und morgens. Auch in Laas.

Als Karl Luggin an diesem Nachmittag vom Feld kommt, sitzt seine Frau im Kandlwaalhof noch an den Trockenfrüchten, verpackt mit schnellen Handbewegungen gelbe Schnitze, pinke Ringe und rote Chips, die wie Spielgeld aussehen: Birnen, Äpfel, Erdbeeren. Im Hofladen hängen Urkunden, Bescheinigungen für Kooperationen, für die Teilnahme an Kursen. Einmal im Jahr muss der Bauer raus und schauen, was die anderen machen. So hat er vom Terra Institute gehört. Und so hat er gemerkt, dass er nicht der einzige ist, der etwas anders machen will. Karl Luggin wischt sich mit dem erdigen Arm den Schweiß aus dem Gesicht. Der rinnt sofort weiter, den kräftigen Hals hinab auf die Brust, und versickert in seinem Unterhemd. Erst reicht er seinen Gästen ein Begrüßungsgetränk – so wie es sich gehört. Dann nimmt er selbst einen großen Schluck und sagt: „Das wird der neue Hugo.“ Seine Augen blitzen vor Genugtuung. Hanfsirup, mit einem Schuss Wasser und sprudeligem Apfelwein. Die Idee mit dem Hanf, sagt er, die hatte ein Querdenker aus Eyrs.

Das größte zusammenhängende Obstbaugebiet Europas liegt in Südtirol. Fünf Milliarden Äpfel werden dort jedes Jahr produziert, der größte Teil davon mit chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln. Karl Luggin aber wollte irgendwann nicht mehr der Vinschgauer Bauer zu sein, der er in der Erwartung anderer geworden war. Trog um Trog saftige Äpfel abtransportieren lassen, ohne sie überhaupt gesehen zu haben. Geld an Genossenschaften geben, die seine Wünsche nicht vertraten und ihm jede Freiheit nahmen. „Die Macht des Konventionellen“ nennt Luggin das. Er wollte gutes Zeug verkaufen und alles selbst machen. Jetzt verkauft er in seinem Hofladen 15 Sorten Essig und sehr ungewöhnlichen Senf. Jetzt stehen auf zwölf Hektar Land: Hanf, Gerste, Hopfen, ein bisschen Buchweizen, verschiedene Früchte. Wenn überall Äpfel stünden, wenn sie gespritzt würden wie anderswo, könnte er mehr verdienen. Aber dann wäre er kein Gemeinwohl-Bauer.

Vor sechs Jahren haben die Gemeinwohl-Aktivisten zum ersten Mal einen Kongress organisiert: die Tage der Nachhaltigkeit. 120 Leute kamen. Dieses Jahr waren es 700. Das Terra Institute hat Lehrer, Bauunternehmer, Bauern, Professoren, Politiker und Journalisten zusammengebracht. Er hat sich von Initiativen aus dem Ausland inspirieren lassen. Mehr als 70 Südtiroler Unternehmen beteiligen sich inzwischen an dem Projekt. So wie Karl Luggin: Er hält sich an die Gemeinwohl-Kriterien, beobachtet seine Bilanzen und lernt weiter. Damit alle etwas davon haben, sagt er: der Boden, der Käufer und der Familienbetrieb. Damit er sich nicht schämen müsse, ein Bauer zu sein.

Nur ein paar Kilometer weiter steht Werner Schönthaler, der Querdenker aus Eyrs, auf Luggins Feld und freut sich, dass der Papst so denkt wie er. Er streicht mit der Hand über grüne Stängel mit markanten Blättern und erzählt abwechselnd davon, wie nah die neue Botschaft aus dem Vatikan der Südtiroler Gemeinwohlidee ist, und davon, wie es zu dem Feld kam: eineinhalb Hektar Hanf auf Brusthöhe, mitten im Vinschgau. Ringsum die Äpfel-Monotonie. Mit dem Luggin Karl hatte er Glück. Der hat einfach mitgemacht. Und der Papst, der spricht ihm aus der Seele. In der Enzyklika „Laudato si“ hat er gelesen, dass jeder erkennen soll, welchen Beitrag er selbst für den Fortbestand der Welt leisten kann. Nun, bei ihm ist es der Hanf.

Luggins Felder und den Hanf kann man von Schönthalers Grundstück aus sehen. Genauso wie den ganzen restlichen Vinschgau. Auf einem Plateau oberhalb von Eyrs plätschert Quellwasser in einen von Kieselsteinen gesäumten Teich. Darunter wuchert grün und ungezähmt der Wald, und etwas weiter oben steht ein alter Hof, Schönthalers Hof. Er ist ein ruhiger, junger Mann mit Pferdeschwanz und gebräunter Haut. Sie könnten ihn den Vinschgauer Cowboy nennen, aber sie nennen ihn den Querdenker.

Im Familienbetrieb Schönthaler in Eyrs wird mit Beton gebaut. Beton kann nicht grün sein. Trotzdem hat Werner Schönthaler für das Unternehmen die Gemeinwohlbilanz aufgestellt. Jetzt stapeln sich 15 Meter lange Platten aus Kalk und Hanf in der Bauhalle – zu Ziegelblöcken geformt. Vor zwei Jahren hat er für das Label „Ecopassion“ mit der Produktion von Hanfziegeln begonnen. Aus Hanf kann man alles Mögliche machen: Stoff, Öl, Bier, die Grundlage von gehaltvollen Speisen, Isolierungsmaterial – und Ziegel. Er wächst eifrig ohne Dünger oder Pestizide, kann andere, weniger nachhaltige Produkte ersetzen, ist widerstandsfähig und unkompliziert. „Ein Gewächs für die Zukunft“, sagt Schönthaler und lächelt. Als nächstes wird es um die Herstellung von Hanfkleidung gehen – ohne Produktion in Billiglohnländern. Aufbauarbeit sei halt schwierig. Immer gehe es ums Wachsen. Und ums Geld. Ohne Geld, findet Schönthaler, wäre die Welt eine bessere.

Vor 13 Jahren hatte Werner einen schweren Skiunfall. Er musste alles neu lernen: den Rücken beugen, die Arme strecken, gehen. Auch, dass Menschen, die beeinträchtigt sind, wenig Wertschätzung bekommen, lernte er. Seitdem organisiert er Projekte für psychisch und physisch Kranke. Die Sozialgenossenschaft „Vinterra“, die er mit Freunden gegründet hat, ist auch so ein Gemeinwohlprojekt und unterstützt die berufliche und soziale Integration benachteiligter Menschen. Gemeinsam verkaufen sie Vinschgauer Gerichte in der Malser „Stroßenkuch“, einem Imbissstand, den man andernorts Food Truck nennen würde, weil er bio ist und die Besitzer auch noch kulturelle Veranstaltungen organisieren.

Für das Terra Institute sind der radikale Hotelier, der erfinderische Bauer und der Hanf-Cowboy die besten Beispiele dafür, dass der Plan für das neue Südtiroler Bewusstsein aufgeht. Und es sind nicht die einzigen. Ende letzten Jahres hat die Grünen-Politikerin Brigitte Foppa mit zwei anderen Abgeordneten eine Debatte im Landtag ausgelöst. Jetzt sollen vorbildliche Unternehmen gefördert werden. Ein Beschluss, kein Gesetz, aber immerhin. Sie glaubt, dass es nun einfacher wird, Einfluss zu nehmen: „Viele haben zum ersten Mal von diesem Thema gehört. Wo erst einmal Verständnis ist, kann auch Veränderung beginnen.“ Zum Beispiel in Mals. Der Vinschgauer Ort hatte im Herbst 2014 die weltweit erste Volksabstimmung gegen Pestizide. 75 Prozent der Bewohner entschieden, dass sie das Gift nicht mehr wollen, das der Wind von Apfelfeld zu Kornfeld, auf Schulhöfe und Marktplätze trägt. Dabei war das Spritzen dort lange so normal wie das morgendliche Gesichtwaschen. Das Ergebnis war ein Eklat, kurz danach kam die erste Klage. Bauernbund und chemische Industrie werden alles tun, um die Umsetzung des Beschlusses, die im Sommer beginnen soll, zu verhindern. Jetzt arbeitet eine Arbeitsgruppe um Bürgermeister Ulrich Veith an einem Regelwerk, um den Plan doch noch durchzubringen.

Es wird noch dauern, bis das Verständnis mehrheitsfähig ist. Aber die Südtiroler Gemeinwohl-Aktivisten sind zuversichtlich. Es geht das Gerücht um, der Papst sei auf ihrer Seite.

Rocky Bilbao - ADAC Reisemagazin

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