Die Zeitgeber - F.A.S.

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Seit 170 Jahren werden in Glashütte Uhren gebaut. Gegen die mächtige Schweiz wirkte der kleine Ort in Sachsen lange chancenlos, jetzt begegnen sich die Hersteller auf Augenhöhe. Zeit für einen Besuch.

Die einen kommen an diesen Ort und denken, die Zeit stünde still. Hinter Rapsfeldern und Dörfern mit konsonantenreichen Namen liegt Glashütte am Ende einer langen Landstraße, die in ein enges Tal führt. Kleine, ordentliche Häuser mit Ziegeldächern säumen links und rechts den Zufahrtsweg. Tagsüber ist wenig los. Abends, wenn die Dorfbewohner in ihren Stuben sitzen, sind die Straßen wie leergefegt. Dann rollen Dienst- und Mietwagen auf der Landstraße zurück in die Städte: nach Dresden, Stuttgart, nach Berlin. In Glashütte übernachtet kein Gast. Ohne Hotel wäre das ohnehin schwierig.

Die anderen kommen aus der ganzen Welt. Sie wissen: An diesem Ort weit im Osten der Bundesrepublik, kurz vor der Grenze zu Tschechien, wird die Zeit gemacht. Neun Uhrenhersteller gibt es in Glashütte, das sächsische Dorf gilt als Zentrum der Uhrmacherkunst. Seit 170 Jahren werden hier mechanische Uhrwerke verbaut. Nach zwei Weltkriegen und 40 Jahren DDR-Einheitsproduktion knüpften die Hersteller Anfang der 90er Jahre an die alten Maßstäbe an - mit dem Ziel, irgendwann zu den besten der Welt zu gehören.

Die Kö der Uhrenhersteller

Wer verstehen will, wie der Ortsname zu einem Qualitätssiegel für Uhren geworden ist, muss A. Lange & Söhne besuchen. Unten im Ort, gleich hinter dem Uhrenmuseum, beginnt die Kö der Uhrenhersteller. Zur Rechten Glashütte Original, zur Linken die Union Glashütte, und unweit des Bahnhofs, in dem natürlich kein Team der Deutschen Bahn, sondern die Uhrenfirma Nomos sitzt: das Lange-Stammhaus. Ferdinand Adolf Lange, ein Uhrmacher aus Dresden, eröffnete 1845 in dem verarmten Bergbaudorf einen neuen Wirtschaftszweig, nachdem er sich von der Pariser Präzisionsuhrmacherei und der Arbeitsteilung in der Schweiz inspirieren hatte lassen.

Die Schlichtheit und Zeitlosigkeit aus 170 Jahren Uhrmacher-Erfahrung hat sich das Unternehmen bewahrt und zum Erkennungsmerkmal gemacht: Das markante Großdatum erinnert noch immer an die Fünf-Minuten-Uhr auf der Bühne der Dresdner Semperoper, an der Lange mitgearbeitet hat. Ziffernblatt, Typographie und der gravierte Unruhekloben sind immer ähnlich. Und die Dreiviertel-Platine, die zu den Glashütter Qualitätsstandards gehört, war eine Erfindung des Firmengründers.

Anthony de Haas leitet seit 2004 die 55-köpfige Entwicklungsabteilung bei Lange. Innerhalb der Traditionslinien hat der große, joviale Holländer technisch spektakuläre Uhren entwickelt: die Lange 31 mit einer Gangdauer von 31 Tagen, die Zeitwerk, die Grand Complication. „Wir wollen ja frisch bleiben“, sagt de Haas. Es klingt, als treibe ihn nur seine jungenhafte Neugier.

Die Hälfte des Umsatzes wird im Ausland gemacht

In Wahrheit müssen die Uhrenhersteller dieser Liga immer neue mechanische Ideen verwirklichen, um mit der Konkurrenz mitzuhalten. Denn es ist immer noch und vor allem die Mechanik, die Uhrenliebhaber begeistert: je ausgeklügelter, desto erfolgreicher. De Haas nimmt seine Uhr vom Handgelenk, eine Zeitwerk Minutenrepetition. Drei unterschiedliche Töne erklingen, ein tiefer für die volle Stunde, ein Doppelton und ein hoher für die Minutenziffern. Eineinhalb Jahre Entwicklungsarbeit stecken im Zusammenspiel der Töne, sieben Jahre im Kaliber.

Seit 2001 gehört A. Lange & Söhne zu Richemont. Der Anschluss an den Schweizer Luxuskonzern hat neue technische Möglichkeiten geschaffen und ist kein Einzelfall im Ort: Glashütte Original und Union Glashütte gehören der Schweizer Swatch-Gruppe, alle anderen Hersteller lassen zumindest Einzelteile aus der Schweiz liefern, wo die Vielfalt an Zulieferern weitaus größer ist.

Bei den Bewertungen deutscher Uhrenhändler liegt Lange in den Kategorien Tradition und Innovation noch vor Schweizer Konkurrenten wie Patek Philippe. Die Uhren verkaufen sich konstant gut. Das ist nicht selbstverständlich: 2008 und 2009 waren auch für die Uhrenindustrie Krisenjahre, Lange verstärkte daraufhin sein Vertriebsnetz. Mehr als die Hälfte seines Umsatzes macht der Betrieb inzwischen im Ausland.

16 Lange-Boutiquen gibt es auf der Welt, fünf davon in Asien. Aber gerade das Kaufverhalten der Chinesen verändert sich: Weniger ist mehr, seit das Wirtschaftswachstum stagniert. In Hongkong ging der Umsatz Schweizer Uhren im vergangenen Jahr um 23 Prozent zurück. Anthony de Haas lässt sich keine Sorgen anmerken. „Die Schweizer bauen die besten Uhren der Welt“, sagt er und fügt hinzu: „Die Deutschen auch.“ Regel eins: Ganz ohne die Schweiz geht es nicht.

Einmal pro Stunde die Augen entspannen

Wer verstehen will, wie die Hersteller in Glashütte ihre Chancen seit der Wende genutzt haben, sollte zu Bruno Söhnle gehen. Gegenüber der Union Uhrenfabrik steht unscheinbar das Bruno Söhnle Uhrenatelier, ein kleines Gebäude, in dem vor 150 Jahren die Anker-Uhren-Fabrik J. Assmann produzierte. Zu DDR-Zeiten, als die Hersteller im staatlichen Glashütter Uhrenbetrieb fusioniert wurden und Massenware bauten, war dort ein Restaurant untergebracht, der „Silberstollen“.

Heute sitzen in den Räumen ab sechs Uhr morgens Frauen und Männer, die Werke veredeln, Zeiger und Ziffernblätter setzen, Wasserdichte prüfen. Ihre Arme ruhen auf rückenschonenden Vorrichtungen. Einmal pro Stunde nehmen sie zur Entspannung der Augen die Lupen vom Gesicht, schauen von der Arbeit auf und zum Fenster hinaus über den stillen Ort.

Bernd Söhnle fährt mehrmals im Monat die knapp 600 Kilometer zwischen Glashütte und Wurmberg im Schwarzwald, wo das Unternehmen seinen Vertrieb hat und er als Geschäftsführer seinen Schreibtisch. Sein Vater war Importeur für den Glashütter Uhrenbetrieb der DDR, danach übernahm er den Vertrieb der Firma Mühle im Ort. Nach der Wende hatten die frisch privatisierten Betriebe Schwierigkeiten, sich an internationalen Maßstäben zu messen, die Fertigung musste wieder wettbewerbsfähig werden. Aber damals gewannen mechanische Uhren wieder an Bedeutung, und das Know-how für sie gab es noch in Glashütte. Einen großen Teil seines Aufschwungs verdankt der Standort ihrer Renaissance.

Dreiviertel-Platine, gebläute Schraube und Sonnenschliff

Als Bruno Söhnle vor 16 Jahren sein eigenes Uhrenunternehmen in Glashütte gründete, spezialisierte er sich dennoch auf Quarzuhren – weil sie günstig und beliebt waren und keine Konkurrenz boten. Inzwischen hat der Familienbetrieb begonnen, mechanische Uhren herzustellen. „Glashütte hat enorm an Wert gewonnen“, sagt Bernd Söhnle und meint damit auch seinen Beitrag.

Dreiviertel-Platine, gebläute Schraube und Sonnenschliff gehören zu den sächsischen Qualitätsmerkmalen, aber die Anforderungen an die lokale Produktion sind viel größer: Mindestens 50 Prozent jeder Glashütte-Uhr müssen vor Ort hergestellt werden. Nur so entsteht Unabhängigkeit, nur so lohnt es sich für die Region. Die Werke von Bruno Söhnle kamen aus Kosten- und Kapazitätsgründen von Anfang an aus der Schweiz. Gerade so kommt das Unternehmen auf die 50 Prozent regionale Wertschöpfung.

Andere Glashütter Hersteller haben ihre Fertigkeiten im Bereich mechanischer Uhren über Jahrzehnte entwickelt. Die Söhnle-Chefs wissen das, und ein Atelier ist keine Manufaktur. Aber Bernd Söhnle ist wandelbar und seine Kollektion üppig. Er hat sich Smart Watches angeschaut und darüber nachgedacht, Werke zu verbauen, die etwa Informationen über Schrittzahlen an eine App weitergeben. In seinem Segment sportlicher Alltagsuhren ist das keine abwegige Idee: 2015 sollen zeitweise mehr Computer-Armbanduhren als Schweizer Uhren verkauft worden sein. „Aber wir sind zu klein“, sagt Bernd Söhnle. Er sei schon froh, wenn die Produktion in Deutschland sichergestellt sei. Regel zwei: Die Selbsteinschätzung zählt.

„Mittwochabend ist Stammtisch der Uhrmacher“

Die Mittagspause ist in Glashütte die lebendigste Zeit des Tages. Dann essen Männer mit grauen Lange-Shirts in der „Drogerie“ Lasagne oder Schnitzel, während sich Mitarbeiter von Wempe und Tutima im Café Uhrwerk niederlassen. Es gibt drei Bäckereien, zwei Kosmetikstudios und zwei Lokale in Glashütte, die abends geöffnet haben, eines davon ist eine Dönerbude. Die wenigen übrigen Gastronomen machen ihren Umsatz um die Mittagszeit.

Im „H4“, einer Kneipe mit offener Theke zur Hauptstraße, hat Yvonne Steinigen ausnahmsweise für abends vorgekocht: Kartoffelsalat und Nudeln. „Mittwochabend ist Stammtisch der Uhrmacher“, erklärt die blonde Frau. „Sonst lohnt es sich einfach nicht, den ganzen Tag offen zu haben.“ Die Stadtverwaltung kennt das Problem: Er diskutiere mit den Gastronomen über Öffnungszeiten, sagt Markus Dreßler, der Bürgermeister. „Am Ende entscheidet aber die Nachfrage.“ Die Bewohner kennen es nicht anders, und die Gäste fahren eben nach Dresden.

Wer wissen will, warum Uhren aus Glashütte Zukunft haben, sollte zu Nomos gehen. Während in den schmalen Räumen am Bahnhof Rädchen und Triebe hergestellt werden, und die Maschinen bis spätabends laufen, sitzen in der Manufaktur sieben Uhrmacher hinter einer Tür mit der Aufschrift „Swing-System“. Es ist das Herz der Herstellung bei Nomos, der Ort, an dem das firmeneigene Hemmungssystem hergestellt wird, das über Genauigkeit, Robustheit und Langlebigkeit einer mechanischen Uhr entscheidet. Hier werden winzige Ankerräder perfektioniert, federleichte Unruhen auf ihre Unwucht geprüft und den aufs My passend hergestellten Spiralen zugeordnet.

Eigenwilligkeit, Modernität und Effizienz

Der unscheinbare Raum in der Chronometrie steht für vieles, was Nomos ausmacht: Eigenwilligkeit (mit seinem Swing-System ist das Unternehmen weniger an die Schweiz gebunden), Modernität und Effizienz (Handwerk und Maschinenarbeit werden bei Nomos kombiniert). Nur etwa zehn Prozent einer Nomos-Uhr, darunter die Feder und die Ziffernblätter, werden noch aus der Schweiz zugeliefert. Es ist eine Unabhängigkeitserklärung für die Deutschen, ähnlich wie die Chronometrie, die Wempe in Glashütte seit 2006 gemeinsam mit dem Landesamt für Mess- und Eichwesen als erste Prüfstelle für Ganggenauigkeit von Armbanduhren außerhalb der Schweiz betreibt.

Im Haupthaus am Bahnhof herrscht an diesem Frühlingstag Trubel. In den vergangenen drei Jahren ist das 1990 gegründete Unternehmen jeweils 30 Prozent gewachsen, die schlichten, erschwinglichen Manufakturkaliber werden in mehr als 40 Länder exportiert. Jetzt muss ein Neubau her, erst soll im Nachbarort Schlottwitz gebaut werden, dann, wenn das Jahr sich gut entwickelt, gegenüber von Glashütte Original. Nur ein Grundstück an der Uhrenpromenade ist für die Hersteller wirklich attraktiv.

Einen Teil der Investitionen unterstützt die sächsische Förderbank. Der neue Antrag muss fertig werden, deshalb der Stress. Auch Ferdinand Lange hat 1845 finanzielle Hilfe bekommen, das königlich-sächsische Innenministerium gab ihm einen Kredit. Es hat sich ausgezahlt. Regel drei lautet: Wagnisse gehören zum Geschäft.

„Von Glashütte in die Welt hinaus“

„Jeder Hersteller hier“, sagt Nomos-Geschäftsführer Uwe Ahrendt, der in seinem gläsernen Konferenzsaal über dem Bahnhof sitzt, „trägt seine Idee von Glashütte in die Welt hinaus.“ Und jeder Neue mit einer Idee sei natürlich willkommen. Das geht nicht immer gut: Die junge Marke C. H. Wolf, die den Namen eines früheren Turmuhrenherstellers trug, versuchte mit speziellen Materialien, eine Nische zu erobern. Im Februar musste sie ihr Geschäft aufgeben. Und über eine Nobelmanufaktur wird im Ort gemunkelt, es liefe nicht gut. Wenn also die Schweizer Uhrenexporte wie im Vorjahr um drei Prozent sinken, beobachten die Nomos-Chefs das ganz genau. Zu den wichtigsten Märkten gehören neben den Vereinigten Staaten und Thailand auch China und Hongkong.

Aber Glashütte ist eben nicht die Schweiz. Die sächsischen Uhren sind oft schlichter und günstiger als die der Nachbarn. Auch der Währungsvorteil könnte sich in den nächsten Monaten bemerkbar machen. Und dann wäre da noch eine gewisse Hartnäckigkeit, die sich die Betriebe in schwereren Zeiten zugelegt haben und die sicher über manche Flaute hinweghilft. Nur der Ort selbst hinkt seinen Investoren hinterher. Es fehlt an Bauland und an Zerstreuung jenseits der Uhrenwelt. Die letzten beiden großen Bauflächen im Tal sind gerade zu einem Parkhaus und einem Seniorenheim geworden.

Gisela Winkelmann hat ihr ganzes Leben lang im Ort gewohnt. Sie vermietet eine Ferienwohnung im unteren Geschoss ihres Hauses am Berg und hat selten Gäste. Winkelmann findet, dass die Stadtverwaltung nichts für das Dorfleben tue. Abends sei zu wenig los, und von den Mitarbeitern der Uhrenhersteller sehe sie nur etwas, wenn sie in ihren Autos den Ort verließen. „Eigentlich“, sagt sie, „hat sich hier seit Jahren nichts verändert.“ Dabei lohne es sich doch, mit der Zeit zu gehen.

Jazzt erst recht - F.A.Z.

Rocky Bilbao - ADAC Reisemagazin

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