Albert Ostermaier: "Endlich geht es mal wieder um was" - ADAC Reisemagazin

Albert Ostermaier: "Endlich geht es mal wieder um was" - ADAC Reisemagazin

Für den Dichter Albert Ostermaier ist München nicht nur bei Föhn inspirierend. Ein Gespräch über den richtigen Sound, Sätze, die Bestand haben, und das Potenzial einer toleranten Stadt

Na, heute schon gedichtet?

Nein, aber geboxt. Jeden Montag- und Freitag­vormittag habe ich um halb acht Boxtraining. Aber sonst fange ich um die Uhrzeit auch schon an zu schreiben.

Die Frage stellt man Ihnen sicher ständig.

Gar nicht mal. Die meisten gehen tatsächlich da­von aus, dass alle Schriftsteller Langschläfer sind. Für mich ist der frühe Morgen die ideale Zeit des Tages. Es sind die konzentriertesten, die ma­gischsten Stunden. Man ist in seiner eigenen Welt. Brecht hat übrigens schon um fünf Uhr an­gefangen zu schreiben.

Und die Inspiration kommt dann schon?

Ich habe mir ein paar Tricks angeeignet. Zum Beispiel höre ich auf, wenn ich weiß, wie es wei­tergehen soll. Dann fällt es am nächsten Morgen leichter. Der Einstieg ist immer das Schwierigste. Klar gibt es gute und weniger gute Tage. Aber ich setze mich jeden Tag hin. Sonst findet sich im­mer etwas Wichtigeres. Und dann ist da auch die Angst vor dem nächsten Satz. Es ist wichtig dranzubleiben. So unromantisch es klingt: Dis­ziplin gehört dazu.

Wie ist das, wenn einem mitten auf dem Oktoberfest ein einzigartiger Satz einfällt?

Ich versuche, immer alles aufzunehmen – was auf der Wiesn gar nicht so einfach ist, weil man doch das eine oder andere vergisst. Aber an das, was gut ist, muss ich mich am nächsten Tag noch erinnern können. Die guten Sätze müssen ein­fach durchhalten.

Eines der ersten Gedichte, das wir im Seminar „Moderne Lyrik“ an der Uni besprachen, stammte aus Ihrem Gedicht­band „Polar“. Sieht so aus, als gehörten Sie zum Kanon.

Das ist ja toll. Aber ich nehme das ganz anders wahr. Wenn Schüler im Abitur Gedichte von mir analysieren, habe ich eher ein schlechtes Gewis­sen. Es ist natürlich schmeichelhaft, so etwas zu hören, aber man sollte nie daran glauben. Dann versteinert man und wird ganz ungelenk.

Sie haben früh angefangen zu schreiben. Womit begann es?

Eigentlich bin ich ein Spätstarter. Bis zum Alter von 15 habe ich mich überhaupt nicht für Litera­tur interessiert. Erst kam die Musik, dann die Lyrik. Ich habe viele Songtexte geschrieben – und Liebesgedichte. Ich dachte mir immer: Warum können Gedichte nicht wie Jimi Hendrix klingen? Wie eine Gitarre mit so einem Over­drive-Effekt. Dann hatte ich irgendwann eine großartige Deutschlehrerin, die etwas in mir aus­gelöst hat. Ich begann, viel und schnell Gedichte zu schreiben. Wir haben ein Jahr lang Georg Büchner besprochen. Das war wie ein Initiationserlebnis. „Dantons Tod“! Da ist jeder Satz in mir explodiert.

Und dann?

Dann habe ich irgendwann alles wieder weggeschmissen. Ich hatte das Gefühl, dass die Texte nicht von mir kamen. Damals konnte man ja noch die Welt erklären, man hatte klare Katego­rien. Ich musste etwas für mich finden, was wirk­lich mit meinem Leben übereinstimmte. So ent­standen die ersten Gedichte, die für sich selbst existieren konnten. Sie hatten einen anderen Ton. Da musste man nicht mehr Händchen halten.

Was ist der richtige Sound?

 Ich wollte mir Worte wie Liebe nicht mehr ver­bieten lassen. Viel besser ist es doch, Liebesgedichte gegen den Strich zu schreiben. Dinge, die wichtig sind, von den Klischees zu befreien. Ich dachte mir: Ich schreibe jetzt einfach genau so, wie ich gern Gitarre spielen würde.

Wie gelingt das, sich so zu öffnen?

In den Phasen, in denen ich schreibe, bin ich in meinem eigenen Kosmos. Ich nenne das „Method Writing“, so wie Method Acting: sich in eine Figurenperspektive reinfühlen. Völlig schutzlos. Dabei darf es keine Zensur geben. Du darfst beim Dichten nicht denken: Was wird meine Mutter sagen? Ohne Radikalität und Kompro­misslosigkeit kann nichts entstehen. Manchmal ist man selbst ganz irritiert darüber, was da zum Vorschein kommt. Ich brauche meine Erfah­rungen als Resonanzkörper: die Wahrhaftigkeit des Empfundenen. Und dann transformiere ich es im Schreibprozess. Das Ergebnis hat viel mit mir zu tun, aber es steht für sich selbst.

Sie waren als Autor bei verschiedenen Theatern unter Vertrag. Schreibt man für die Münchner anders als für die Wiener?

Eigentlich nicht. In München handelte mein erstes Stück von der Münchner Räterepublik. Das kann man überall spielen, aber hier ist es durch die Geschichte und die Orte anders aufgeladen. Ein Stück sollte aber auch außerhalb des Kon­textes funktionieren.

Haben Sie das Gefühl, als Theaterautor ein Publikum zufriedenstellen zu müssen?

Nee! Das ist ja auch eine Fiktion: das Publikum. Wer ist denn das Publikum? Es denkt und fühlt unterschiedlich. Man kann die Reaktion nicht er­ahnen. Anders verhält es sich, wenn die Inszenie­rung grauenvoll und das Stück unerkennbar wird.

Passiert das?

Ja, leider. Ich habe zwar schon unvorstellbar tol­le Inszenierungen gehabt. Aber es ist auch oft passiert, dass Stücke an die Wand gefahren wur­den. Wenn bei der Uraufführung nur noch ein Drittel des Stücks sichtbar ist, gibt es schlechte Kritiken, und das Stück ist abge­schrieben. Du kannst natürlich vorher Einfluss nehmen. Oder nach der Generalprobe verhin­dern, dass das Stück rauskommt. Oder du distanzierst dich.

In der Lyrik ist also alles etwas einfacher?

Da kommt zwar niemand mehr und macht etwas mit meinem Text. Aber bei der Lyrik bin ich viel­leicht am empfindlichsten.

Weil es die persönlichste Form ist?

Ja. Sie ist so verdichtet und in vielem so pur.

In Ihrem Gedichtband „Für den Anfang der Nacht“ beziehen Sie sich auf Georg Büchner, Rainer Maria Rilke und Bob Dylan.

Es gibt Autoren, bei denen hat Sprache etwas Sinnliches. Da sind Sätze wirklich Sätze. Sie springen mich an und lassen mich nicht mehr los. Durch Büchner bin ich total auf Sprache fixiert. Etwas sehr Schönes an der Lyrik ist das Ge­spräch, der Dialog mit den anderen Autoren.

Wie steht es mit dem romantisierten Bild des mittellosen, vergeistigten Dichters?

Das Bild des Dichters ist so sehr von diesem Spitzweg-Gemälde geprägt: dem schäbigen Zim­mer des armen Poeten. Es muss reintropfen! Ich will mich nicht von diesen Klischees bestimmen lassen. Ich will nicht das Feuilleton entscheiden lassen, wie ich auszusehen und zu leben habe. Als ich die „Ode an Oli Kahn“ geschrieben habe, war das ein Unding. Auf jemanden, der Fußtritte in die Luft macht, eine Ode zu schreiben – das ging gar nicht. Es darf auch nicht sein, dass man mit Politikern befreundet ist – oder mit Gröne­meyer. Inzwischen ist mir das egal. Es sollte nur das zählen, was auf dem Papier steht.

Bereuen Sie etwas von dem, was Sie geschrieben haben?

Nein. Das steht für sich. „Für den Anfang der Nacht“ war eine Sammlung von Liebesgedich­ten aus 15 Jahren. Als ich sie zum ersten Mal wieder angeschaut habe, war das eine ganz selt­same Reise und Begegnung. So viel Tod und Schwärze, so viel Gewalt und Wut! Heute würde ich anders schreiben. Aber jetzt verstehe ich, wa­rum ich damals so geschrieben habe. Ich finde, man muss das riskieren. Auch das Intime. Auch Pathos, wo Pathos ist.

Sie sind in Inning am Ammersee aufgewachsen. Was ist Heimat für Sie?

Ich liebe München. Aber wenn Heimat etwas ist, was sich schwer definieren lässt und aus dem Unterbewusstsein kommt, dann ist meine wahre Heimat der Ammersee. Da schwingt der große Resonanzraum der Kindheit mit, die Verwurzelung und Sicherheit. Immer wenn ich nach Hause komme, bin ich ganz ruhig.

Also ist das Heimatgefühl Nostalgie?

Es gibt ja verschiedene Heimatarten. Es gibt Heimat in der Sprache, in der Landschaft und eine, die mit Orten und Menschen verbunden ist. München ist für mich Heimat, die mit Orten und Menschen verbunden ist. Das Schumann’s. Charles, mit dem ich seit mehr als 20 Jahren Fußball spiele. Da fühle ich mich zu Hause.

Sie haben auch in New York gelebt. Für welche Stadt würden Sie noch einmal aus München weggehen?

Es gibt drei Städte, in die ich sofort ziehen würde: New York, Buenos Aires und Beirut. Beirut hat mich unglaublich geflasht. Natürlich müsste man Arabisch sprechen, um dort leben zu können. Die Frage ist weniger nach dem Ob, sondern nach dem „Wie lange“. Wenn es jetzt hieße: „Für immer!“, dann würde ich wahr­scheinlich nach Wien gehen (lacht).

Ihre Sehnsucht nach der Ferne – woher kommt die?

Meine Mutter hat mich gleich nach meiner Ge­burt im Wäschekorb um den See zu meiner Oma nach Schondorf gefahren. Ich war also schon im­mer on the road. Letztes Jahr bin ich viel in der arabischen Welt gereist, in Saudi-Arabien, im Libanon und in Marokko. Das waren radikal an­dere Erfahrungen. Das Fremde ist für mich ganz wichtig: sich immer wieder verunsichern zu las­sen in seiner Wahrnehmung. Auf einmal hörst du die Geschichten aus einer anderen Perspektive.

Warum bleiben Sie trotzdem?

Einer muss ja bleiben: für den Zeitpunkt, an dem alle aus Berlin zurückkehren! München ist einer der besten Orte zum Zurückkehren. Es ist ein Ort, an dem man immer wieder Kraft schöpfen kann. Man darf München nicht nur als Stadt, man muss die Perspektive sehen: dass du in einer halben Stunde in den Bergen bist, dass am Horizont die Alpen zu sehen sind. Es ist die Stadt der Räterepublik. Der Münchner G’schichten. Es ist direkt und sinnlich. Es hat Ironie und liebt die Bilder, die Sprache, das Barocke. Leider wird es immer mehr louis-vuittonisiert.

Ist es auch eine Stadt für Künstler?

Ja. Aber das hat sich verändert. Früher gab es mehr Vernetzung und Begegnung zwischen den Künstlern und Sparten. Im Marstall oder im al­ten Schumann’s saßen Maler, Schriftsteller und Journalisten zusammen und haben sich ausge­tauscht. Jetzt gibt es zwar noch tolle Leute, aber weniger Orte, an denen sie zusammenkommen. Es fehlt die Energie, die sie zusammenbringt. Aber die aktuelle Situation ist eine Chance.

Was kann sich verändern?München mit den Flüchtlingen ergibt ein ganz neues Bild – und schafft andere Wirklichkeiten. Normalerweise ist die Bundesrepublik hier un­sichtbar. Wir leben unter einer Kuppel von Schönheit und Wohlstand. Man kann die Risse sehen, aber man muss genau hinschauen. Wer Geld hat und die Probleme unserer Zeit nicht se­hen will, dem gelingt das in München ganz gut. Jetzt setzt die Stadt endlich ein Zeichen und heißt die Flüchtlinge willkommen. Darin liegt eine unglaubliche Chance. Dass wir internatio­naler werden. Dass die Stadt andere Gesichter bekommt und andere Farben. Dass es wieder an­dere Themen gibt. München braucht Blutzufuhr. Es geht mal wieder um was.

Was heißt das für Sie als Kurator des „Forums Autoren“ beim Literaturfest? Hier lassen Sie Künstler und Autoren aus aller Welt zu Wort kommen.

Ich beschäftige mich mit dem Thema ja schon eine Weile. Eigentlich war es absehbar. Und eigentlich ist es ein Skandal, wie unvorbereitet die Politik war. Aber ich bin froh darüber, dass unser Oberbürgermeister Dieter Reiter die rich­tigen Entscheidungen trifft. Im Kontext des Festivals habe ich das Potenzial entdeckt, das diese neue Situation bietet. Die Erfahrung, mit Liba­nesen, Irakern, Ukrainern zusammenzusitzen und voneinander zu lernen, war extrem erhel­lend. Mit dem Literaturfest will ich wieder mehr Diskussion ermöglichen.

Was machen Sie persönlich aus dieser neuen Situation?

So blöd das klingt, aber es war mir nach den Er­fahrungen der letzten Monate nicht mehr mög­lich, über andere Dinge zu schreiben. In Situationen wie diesen ist Literatur gefragt. Natürlich kann man niemandem diktieren, was er zu schreiben hat. Wer über Gänseblümchen schrei­ben will, soll das tun. Aber ich habe im Moment keine Lust dazu.

Muss Literatur Stellung beziehen?

Gute Literatur ist per se politisch. Das hat mit Wahrnehmung und ihrer Qualität zu tun. Ich finde, dass man als Autor eine Chance hat, durch seine Beobachtungen und die besondere Sensibilisierung für Themen andere, neue Blick­winkel und Perspektiven zu zeigen. Diese litera­rische Qualität kann die Diskussion politisch bereichern. Aber jeder Autor muss das für sich selbst entscheiden.

Wird die Zuwanderung den Literaturbetrieb verändern?

Ich habe gemerkt, dass der Literaturbetrieb sich selbst zu wichtig nimmt. Von Facebook bis Twit­ter – alles hat sich permanent nur noch selbst bespiegelt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass man wieder mehr über Themen redet als darüber, wer welchen Preis, welche Kritik bekommt. Man dis­kutiert mit Leidenschaft. Das ist bereichernd für den Betrieb. Und es tut der Literatur gut.

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