Jazzt erst recht - F.A.Z.

Im Frühjahr hat eine Studie die prekären Lebensbedingungen von Jazzmusikern belegt. Aber die Musiker finden viele Wege, sich zu arrangieren.

Es ist Montagabend und hinter der Glasscheibe, gleich neben dem Bartresen, stehen fünf Musiker in T-Shirt und Jeans. Drumsticks klimpern, Seiten klingen. Für einen Moment, nur für die ersten Takte wird es ungewohnt still im „Schon Schön“, dann stellt sich die gewohnte Gesprächskulisse ein. Später wird ein Zylinder herumgereicht, der Schlagzeuger sagt ins Mikrophon, dass sich die Band über eine Anerkennung freuen würde. Ein Mädchen auf einem Sofa beugt sich zu ihrer Nachbarin und fragt: „Muss man jetzt was geben?“

Am Montagabend ist in Mainz nichts los, viele Kneipen bleiben nach dem Wochenende geschlossen, Studentenpartys gibt es keine. Dafür Montagsjazz im Kulturclub „Schon Schön“, kostenlos. Dass die Bar einen Abend in der Woche für den Jazz reserviert, ist nicht selbstverständlich. Nur in einer Handvoll Mainzer Spielstätten treten regelmäßig Jazzmusiker auf. Selbstverständlich ist, dass die Gäste für andere Bandauftritte während der Woche Eintritt zahlen, für diese Art von Musik nicht.

Die Lage der Jazzmusiker ist schlecht, das hat eine große Studie im Frühjahr gezeigt. Zwar sei die deutsche Jazzszene lebendiger geworden, urteilten die Verfasser im Auftrag des Darmstädter Jazzinstituts, der Union Deutscher Jazzmusiker und der Interessengemeinschaft Jazz in Berlin. Die Lebensbedingungen der Musiker haben sich dagegen kontinuierlich verschlechtert: Es fehlt an Auftritts- und Verdienstmöglichkeiten. Mit ihrer musikalischen Arbeit verdienen die mehr als 2000 Befragten durchschnittlich 12.500 Euro im Jahr. Die Hälfte von ihnen tritt weniger als einmal pro Woche auf, ein Drittel arbeitet auch in nichtmusikalischen Bereichen. Man arrangiert sich: jeder Musiker auf seine Weise.

Es gibt diejenigen, die jung und motiviert sind. Johannes Lüttgen ist vor einem Jahr mit dem Studium fertig geworden, jetzt arbeitet er als freier Jazzmusiker, als Lehrer und mit seiner Band „J’Used“, der Gruppe aus dem „Schon Schön“. In seinem Proberaum in Mainz, Zimmer Nummer 5 in der ehemaligen Fahrkarten-Druckerei, sind bunte Trommeln ordentlich ins Regal sortiert, an der Wand ein Ray-Charles-Kalender, gegenüber der größte Luxus des Schlagzeugers: ein Fenster. In Mainz einen Proberaum zu finden, ist nicht einfach, Lüttgen zahlt 300 Euro Miete. Zwei Tage pro Woche kommen Schüler, Kinder und Erwachsene, insgesamt 25. Mit ihnen verdient er, was er zum Leben braucht. Es mache ihm Spaß, sagt Lüttgen, er habe selbst einen guten Lehrer gehabt. Laut Jazzstudie ist der Unterricht als Privatlehrer oder Honorarkraft für die Finanzierung des Musiker-Lebens essentiell.

Als Lüttgen zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule nach Mainz eingeladen wurde, war er einer unter 25 ambitionierten Schlagzeugern. Drei wurden genommen. 15 Jazz- und Pop-Musiker zählt ein Jahrgang, man duzt sich. „Der Abschluss ist Nebensache“, sagt Lüttgen, es zählt der fokussierte Unterricht. Gleichzeitig ist das Studium das Tor zur Arbeitswelt: Es eröffnet einen Kreis und Kontakte in der Szene. Nur zum Manager macht es keinen. Es gebe diese Illusion, sagt der Drummer, dass man sich als freier Künstler um nichts kümmern müsse als um sich und sein Instrument.

Über Geld wird wenig gesprochen. Es reicht zum Leben. Um reich zu werden, hätte man einen anderen Beruf gewählt. Lüttgen spielt 40 bis 50 Gigs im Jahr, mit „J’Used“ tritt er selten auf. Seine Band hat keine Nische, sie passt sich nicht an: sein Abschlussprojekt an der Hochschule, das so gut lief, dass er es weitergeführte. Für sie komponiert und arrangiert er, orientiert sich an Wayne Shorter, bereitet dessen Melodien auf. Kein Fahrstuhljazz. Aber das Booking, sagt Lüttgen, würde er gern einem anderen überlassen. Meistens gebe es gar keine Reaktion auf eine Anfrage, oft Absagen, ganz selten passe alles: Ort, Zeitpunkt, Gage. Mainz hat eine kleine Jazzszene. Die Trends kommen aus Köln. Wichtig sei, findet Lüttgen, dass überhaupt gespielt werde. Musik sei nun einmal Kommunikationsform. Ohne Publikum wäre sie wirkungslos.

In der Jazzstudie werden diejenigen Befragten als „pragmatische Idealisten“ bezeichnet, die sich mit wenig Rücksicht auf ihre finanzielle Situation ihrem Künstler-Dasein widmen. Es sind viele, die Mehrzahl sogar. Aber es gibt auch diejenigen, die werden Geschäftsmänner. Yacine Khorchi hat an einem Sommerabend in Aschaffenburg gerade sein letztes Lied gespielt und seinen üblichen Rundgang über die Terrasse der Theaterbar „Jedermann“ begonnen, als ihn ein Freund nach „Sir Duke“ fragt. Songwünsche sind für ihn Ehrensache, also setzt er sich wieder ans Piano und hofft während des Stevie Wonder-Songs auf das Verständnis der empfindlichen Anwohner.

Khorchi spielt gern, was sich die Leute wünschen. Sein Repertoire ist so groß, dass es kaum etwas gibt, was er ihnen nicht erfüllen kann. Mehr als 100 jazzig arrangierte Stücke: Der Soundtrack des Kinofilms „Ziemlich Beste Freunde“, alle Beatles-Songs, „Englishman in New York“. Und wenn er doch etwas nicht kennt, schaut er auf dem Handy nach den Akkorden und improvisiert dazu. „Ich habe mich breit ausgestellt“, sagt Khorchi mit einem Blick, der keinen Zuspruch braucht. Nach vielen Gigs, sagt er, gäben seine Zuhörer zu, dass sie ihren Lieblingssong so noch nie gehört hätten.  

An der Hochschule in Würzburg lernte Khorchi  experimentelle Formen des Jazz kennen, die unter Jazzstudenten zur Freiheit der Entwicklung gehören. Am Ende des Studiums beschloss er, dass dieser Kosmos seiner Realitätsprüfung nicht standhielt. Freunde von ihm übten Tag und Nacht, ohne an ein Publikum zu denken. Das reale Leben musste doch anders aussehen. „Die haben nicht verstanden, dass es nicht nur um sie geht“, sagt Khorchi. „Ich wollte ein kompletter Musiker sein.“  Ein Handwerker, kein Künstler. Für Khorchi gehört dazu, dass man zum Unternehmer wird, bedienen kann, was die Leute hören wollen, vielseitig wird, nicht nur für ein Nischenpublikum spielt.

In Khorchis Heimatstadt Aschaffenburg ist die Jazzszene noch viel kleiner als in Mainz. Dort wollen die Leute „Sir Duke“ und die Beatles hören.  Also passte er sich an. Inzwischen kann er auch einmal ein Wochenende frei nehmen. Vor kurzem hat er sich eine Wohnung gekauft. Lebensstandard ist wichtig, findet Khorchi, schließlich arbeite er auch wahnsinnig viel. Letztes Jahr waren es 100 Auftritte. Er unterrichtet an der Deutsche Pop-Akademie in Frankfurt Komposition und Arrangement. Und er hat eine Website entwickelt, „Music-to-me“, auf der sich Klavierschüler anmelden und Unterricht per Video-Tutorial nehmen können. Eine Vorsorge für die Zukunft.

Khorchi glaubt, dass es zu viele Jazzmusiker in Deutschland gibt. 18 Musikhochschulen mit Jazz-Studiengängen! Viele Absolventen  seien schlichtweg nicht gut genug. „In New York leben auf einem Fleck fünfmal so viele hochkarätige Jazzpianisten wie in Deutschland“, sagt Khorchi. Jazz funktioniere sowieso nur in Großstädten. So wie in Frankfurt. Dort sind die Möglichkeiten, guten Jazz zu hören, zahllos: klassischen im Jazzkeller, experimentellen in der Fabrik, urigen im Mampf, Jazz im Palmengarten. Die Jazz-Initiative Frankfurt setzt sich für Präsentationsmöglichkeiten ein und wird von der Stadt unterstützt. Es gibt ein Frankfurter Jazzstipendium. Aber auch in Frankfurt sind die Gagen niedrig und der Eindruck verbreitet, es gehe vor allem um Unterhaltung. In Hessen gibt es keinen ausgewiesenen Etat für Jazzmusik. Das Land fördert Jazzprojekte, Einrichtungen wie Musikschulen unddas Landesjugendjazzorchester. Konsequenzen aus den Ergebnissen der Jazzstudie wurden bisher noch keine gezogen. Die Auswertung werde noch Zeit in Anspruch nehmen, erklärt ein Sprecher des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst auf Anfrage.

Es gibt deshalb auch diejenigen, die es sein lassen. Heinrich Krome war lange Berufsmusiker in Wiesbaden und Mainz, jetzt organisiert er Musikworkshops mit Langzeitarbeitslosen. Irgendwann hatte er genug davon, am Freitagabend angerufen und für Wochenend-„Mucken“, Auftritte zum Geldverdienen, angefragt zu werden. Davon, nicht sagen zu können, ob der Monat im Plus oder im Minus enden würde. „Es gibt ja kaum mehr feste Verträge“, sagt der Saxophonist. „Je älter du wirst, desto geringer die Lust auf diese Kompromisse.“ Im Studium habe es weniger Zweifel gegeben: Alles spielte sich rund um die Hochschule ab. Man habe auf Jam Sessions gespielt und kostenlos getrunken. Später war da der schwierige Einstieg in die Jazzkreise anderer Städte, die Konkurrenz. „Die Szene ist wenig aufgeschlossen“, sagt Krome. Egal, wo er war. Es gebe Musiker, die sich für die Weitergabe von Anfragen Geld einstecken. Und solche, die nach dem Motto lebten: Während der Woche Hartz 4 und am Wochenende ein Star.

Krome glaubt, dass die Förderung von Veranstaltungsorten, die der Musik und den Jazzern Raum geben, die Situation verbessen könnte. Schließlich erhielten Theater auch Förderung. Urs Johnen, Geschäftsführer der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ), nennt den Spielstätten-Programmpreis „Applaus“, mit dem Konzertveranstalter und Clubs aus Bundesmitteln gefördert werden, als leuchtendes Beispiel. Er wünscht sich eine „Schärfung des allgemeinen Bewusstseins der gesellschaftlichen Relevanz dieser Kunstform“. Die Abschaffung fester Arbeitsplätze in der Musikpädagogik ist laut UDJ eines der größten Probleme in der Branche. Johannes Lüttgen spricht von einer Mindestgage. Und dann ist da noch die Bedeutung der Förderung des Musikunterrichts an Schulen: Bei ihr geht es um das zukünftige Publikum. Auf dem Rheingau-Musikfestival war in diesem Jahr der Trompeter Till Brönner zu sehen, gleich zweimal. Er gilt seit Jahren als international erfolgreichster Jazzmusiker aus Deutschland. Bei seinem Konzert im Wiesbadener Kurhaus war der Zuschauerraum ein vertrautes Meer weißer Haarschöpfe.

Urs Johnen ist zufrieden, dass Themen wie die Mindestgage seit Veröffentlichung der Studie eine größere Rolle spielen. Aber es reicht nicht, darüber zu sprechen, das wissen alle Beteiligten. Genauso, wie sie wissen, dass sich an einer Sache wenig ändern lässt: Die Liebe zur Musik ist fast immer das stärkste Argument. 

Eineinhalb Seemeilen - Reisedepeschen

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Die Zeitgeber - F.A.S.

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