Malagueños vierter Sommer - ADAC Reisemagazin

Malagueños vierter Sommer - ADAC Reisemagazin

Wenn ein andalusischer Stier in der Arena landet, hat er ein gleichsam kalkuliertes und freies Leben hinter sich. Die Menschen, die ihm bis dahin begegnet sind, waren ihm egal. Geschichte eines Abschieds

Finsternis auf allen Seiten. Winzige Lichtkegel unter den Ritzen des Holzverschlags. Ein Raunen von Stimmen dringt herein, Getrappel, vereinzeltes Klatschen. Malagueño steht und schnauft und wartet. Es ist ein heißer Abend im August. Von seinem Hals trieft der Schweiß. Von seinem Rücken hängen Bänder mit den Wappenfarben von Torrestrella: Blau und Gold. Dann knallt es, Flügeltüren fliegen auf, Licht aus Scheinwerfern durchstrahlt den Verschlag. Hände aus dem Nichts trommeln an die Barrikaden, immer schneller, wie im Wahn. Mit Bedacht macht Malagueño einen Schritt nach vorn. Draußen im Sand steht ein grotesk gekleideter Mann.

Frühjahr. Der Hügel am südlichen Ausläufer der Koppel. Struppige Feigenkakteen, die sich in Wogen auftürmen, dahinter ein Zaun aus roten Eisenstäben. Auf der gegenüberliegenden, offenen Seite steht in weiter Ferne die Burg aus dem 13. Jahrhun­dert, die dem Landgut Torrestrella seinen Namen gegeben hat. Hinter ihr kreisen, unaufhörlich, die Windräder der Provinz Cá­diz. Auf diesem tonigen Boden, in dem der seltene Regen nur mühsam versickert, wachsen Sträucher, Korkeichen, wilde Öl­bäume. Auf diesem Boden steht seit vier Jahren eine Handvoll Stiere, die zu den stärksten und nobelsten des Landes gehören.

„Wenn wir sie nicht züchten würden, gäbe es sie nicht“, sagt Isabel Domecq, die für diesen Satz auf die Bremse gestiegen ist, um einen eindringlichen Blick wirken zu lassen. Die kritischen Nachfragen, sagt der Blick, die habe ich alle schon gehört. Dann bugsiert sie ihren Geländewagen durch das Tor der Koppel, dort­hin, wo die Rinder stehen. Etwa 1300 Stierzuchtbetriebe gibt es in ganz Spanien. Im strukturschwachen Andalusien mit seinen großen Weideflächen sind sie wirtschaftlich unverzichtbar. Álvaro Domecq Díez, Isabel Domecqs Großvater, hat Torrestrella 1955 auf einem Stück Land nahe Jerez de la Frontera gegründet. Es dauerte nicht lang, dann standen die Urlauber an den Zäunen und wollten den Stier in seiner natürlichen Umgebung sehen. Heute bietet Torrestrella Veranstaltungen für Touristen an. Isabel Domecq, die blonde Frau, die vor lauter Misstrauen verbittert wirkt, sagt: „Es ist ein Lifestyle, den man verkaufen muss.“

Malagueños Tage sind voller Rituale. Zu seiner Gruppe gehören sechs Stiere, die ihm ähneln: massiger Körper, geschwungene Hörner, stolzer Blick, dreistellige Brandmarken. Einige sind seine Brüder, Nachkommen derselben Kuh und desselben Zuchtstiers. Wandelnde Symbole archaischer, männlicher Tugenden einer konservativen Gesell­schaft: Ehre, Stärke, Tapferkeit. Mit einem Traktor wird jeden Tag das Futter gebracht. In Sichtweite die großen, gutmütigeren Ochsen. Es ist ruhig, sehr ruhig, bis auf die seltenen Kämpfe um die Vormacht in der Gruppe, wenn ein Stier verschwunden ist und ein neuer dazukommt. Hier, inmitten der Hörner, fühlt sich Malagueño wohl.

Wer will dieses Spektakel noch sehen? Wieder eine dieser Fra­gen, die Isabel Domecq schon lang kennt und oft beantwortet hat. „Wir verkaufen 80 Prozent unserer Stiere“, sagt sie. Dass nicht alle in die Arena gelangen, das sagt sie nicht. 1870 Corridas, Stierkämpfe, gab es 2014 in Spanien. 2007 waren es noch 3650. Die Stiere, die nicht direkt an die Arenen verkauft werden, gehen zum Üben an junge Toreros oder an Orte, die Stierläufe veran­stalten. Die Kühe, die nicht für die Zucht geeignet sind, kommen zum Schlachter. Für das Fleisch einer Kuh erhält Isabel 150 Euro. Für einen Stier in der Arena bis zu 14 000. Es ist die Wirtschafts­krise, die die Kampfstierzucht rote Zahlen schreiben lässt. Aber es ist noch viel mehr. Junge Spanier haben nicht mehr viel übrig für das Ritual, den Kampf um Leben und Tod mit dem eindeu­tigen Ausgang. Die Domecqs haben sich angepasst. Sie züchten weniger, organisieren Infoveranstaltungen, laden Unternehmen, Gruppen, auch Journalisten in ihre prachtvolle Finca Los Albu­rejos am Rande der Rinderweiden ein. Eigentlich traut Isabel Domecq der Presse nicht mehr: zu viel Kritik. Aber was soll man machen. Das nächste Jahr, sagt sie, solle noch schlechter werden.

Zweimal in der Woche fahren Busse und Vans vor, aus denen Men­schen mit Kameras steigen, die hinter dem roten Eisenzaun stehen blei­ben und starren. Das geht so, seit Malagueño denken kann. Er starrt dann mit den anderen zurück. Als er jünger war, kamen an diesen Tagen die Cowboys und holten einen Teil der Gruppe ab. Alle, auch die zu diesem Anlass gut gekleideten Reiter, waren dann sehr nervös. Sie trieben ihn mithilfe der Ochsen in eine kleine Manege, wo eine Stahltribüne mit Strohdach stand. Auf ihr warteten viele Menschen, die beim Auftritt der Stiere klatschten. Kleine Mädchen mit Schleifen im Haar, Frauen, die nach Flieder rochen, Männer mit Bierdosen.

„A Campo Abierto“ ist eine Show für Touristen, ein Rinder­auftrieb für 20 Euro pro Zuschauer, der den Domecqs beim Überleben hilft. Noch überlebenswichtiger sind die Unterneh­mer, die für die Arenabetreiber arbeiten und die Stiere auswählen. Jeder Platz hat seine eigenen Anforderungen: Die großen Arenen in Madrid und Pamplona suchen imposante Stiere. Die traditi­onsreichste Arena Spaniens, „die Kathedrale des Toreros“ in Se­villa, verlangt nach eleganten Tieren. Isabels Großvater hat sich für einen kompakten Stier entschieden, voller Anmut und Würde.

Aus den Lautsprechern kamen abwechselnd dramatische Westernmusik und eine Stimme, die Erklärungen abgab. Malagueños Auftritte waren kurz, er hielt sich scheu am Rand der Manege. Dann trieben ihn die Cowboys wieder hinaus. Als nächster Programmpunkt kamen immer die dressierten Pferde. Für sie wechselte die Musik.

Juan Cid, der Stierflüsterer, braust gerade ein Pferd ab, als Isa­bel Domecq zum Stall kommt und nach ihm verlangt. Er lässt sich anmerken, dass er für Gespräche über seinen Job wenig Zeit und noch weniger übrighat. Er ist Mayoral, der Chef der Cow­boys. Jeden Tag reitet er zur Weide, schaut nach, ob alles stimmt oder einer verletzt ist, ob das Futter, eine Mischung aus Mais und Vitaminen, Gefallen findet. „Angst?“, fragt Juan Cid und lässt den Wasserschlauch sinken, sodass zu seinen Füßen eine Pfütze entsteht. „Angst darfst du nie haben. Das merken sie.“ Seit er denken kann, hat seine Familie mit den Rindern gearbeitet. Er kennt alle 100 Torrestrella-Stiere beim Namen. Die Arbeit ist an­strengend – bei jeder Witterung draußen auf dem Feld, das muss man schon wollen. Und an normalen Tagen sind die Cowboys nur zu zweit, weil gespart werden muss. Aber, sagt Juan Cid, ist es nicht schön, dass kein Stier ist wie der andere. Wenn er jetzt mit ihnen zum Stierkampf nach San Sebastián aufbricht, wird er für ihr Wohl sorgen. Und sie am Ende dem Torero überlassen.

Sommer. Es ist heiß geworden. Die Blumen sind verdorrt, die Wie­sen gelblich-braun. Die Hitze hat die Menschen von den dampfenden Land-und Forststraßen getrieben. Diejenigen, die noch kommen, um zu starren, wischen sich den Schweiß von der Stirn. Mit dem Anstieg der Temperatur ist die Gruppe kleiner geworden. Brüder sind ver­schwunden, Halbbrüder, Cousins, seit die Männer mit den Hüten da waren. Alle paar Wochen sind sie im Geländewagen der Domecqs ge­kommen und haben Notizen gemacht. Es war bei ihrem letzten Besuch, als einer auf Malagueño gedeutet hat.

Isabel Domecq weiß, welchen Charakter ihre Stiere brauchen: die Wildheit des freien, ungezähmten Rindes, den Stolz Spaniens, die Stärke, die nur ein über Generationen geformtes Tier haben kann, und die Klasse eines Abkömmlings von Torrestrella. Die Zuchtkühe wählt sie akribisch: Mindestens genauso wichtig wie der Charakter des Zuchtstiers sind die Gene der Vacas bravas, der wilden Kühe. Wenn sie zwei Jahre alt sind und über sie entschie­den werden soll, dürfen junge Toreros sie und sich in spielerischen Kämpfen testen. Dann kommen die aggressivsten Kühe mit den Zuchtstieren zurück auf die Weide. Ihre männlichen Kälber blei­ben sechs Monate bei der Herde und leben danach etwa vier Jah­re in Gruppen von bis zu zehn Kampfstieren, manchmal länger. Was man auf der Weide prüfen kann: ob der Stier würdevoll galop­piert, ob er zu zahm ist oder zu faul. Was man nicht prüft: wie er kämpft. Kein Torero will seinen Stier vor dem Kampf sehen. Und keiner, nicht mal Juan Cid, weiß, wie er sich auf dem Platz verhält.

An einem Nachmittag im August holen ihn die Cowboys. Malagueño sieht sie von Weitem mit den Lanzen kommen und die Ochsen scheuchen. Die Herde läuft genau auf seine Gruppe zu, also setzt er sich widerwillig in Bewegung. Mit den Ochsen ist alles halb so wild. Sie sorgen für Abstand zu den Menschen. Es ist das erste Mal, dass er in diese Richtung trabt – dorthin, wo die Häuser stehen. Ein Stahltor führt auf einen Platz mit rot-weißen Steinwänden, der in einen schmalen Gang mit hohen Wänden mündet. Den Ausgang kann Malagueño nicht sehen. Hastig entscheidet er sich abzubiegen: Er will auf die Wei­de. Die Ochsen sind schon an ihm vorbei, der Weg scheint frei, aber dann ist da dieser Cowboy, der von der Seite kommt, in der Hand eine Lanze. Es ist Juan Cid, und weil er ihm in den Weg springt, läuft Ma­lagueño auf ihn zu, bis er ihm ganz nah ist. Bis er seine Angst spürt.

„Anda, anda!“ Weiter!

Auf einmal sind da wieder die schweren Leiber der Ochsen, die den Weg ins Freie versperren. Jetzt bleibt nur noch die eine Richtung.

„Der Kampf“, sagt der Torero, „ist nur das Ende einer langen Reise.“ Was vorher passiere, sei mindestens genauso wichtig. José Raúl Gracia Hernández, genannt El Tato, hat in seinen besten Zeiten 88 Stierkämpfe im Jahr bestritten. Alle vier Tage ei­nen. Irgendwann reichten Kraft, Ausdauer und Motivation nicht mehr. Aber weil ein Torero dem Stier niemals lang den Rücken zukehrt, arbeitet El Tato jetzt für junge Toreros, trainiert sie und sucht geeignete Übungsstiere aus. Er hat sich auf Torrestrella umgesehen – in Poloshirt und Stoffhose, mit zurückgekämmten Haaren. So also sieht ein Mann aus, der mehr als 500 Stiere getötet hat. Jetzt schaut er den Stieren in die Augen und sagt: „Der Respekt bleibt. Einer von ihnen hätte mich umbringen können.“ Zweimal hat er einen Stier begnadigt. Wenn der Kampf ausgewogen und spannend war, wenn das Publikum den Freispruch fordert, kann der Torero auf den letzten Stoß verzichten. Dann landet der Stier wieder auf der Weide. Es ist die große Ausnahme. Aber wenn er die Wahl hätte, sagt El Tato, ja wenn, dann sterbe er lieber als stolzer Stier auf dem Platz denn als arme Sau beim Metzger.

Malagueño steht und schnauft und wartet. Sein Schwanz peitscht. Sein Blick folgt den Männern auf dem Platz, den bunten Tüchern im Sand, den Fächern in den Zuschauerreihen. Er legt den Kopf ein we­nig schief, als wundere er sich über all das. Dann spannt er die Mus­keln für seinen ersten und letzten Kampf.

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