Rocky Bilbao - ADAC Reisemagazin

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Zeitgleich zum baskischen Unabhängigkeitskampf formierte sich in den Achtzigerjahren eine Musikbewegung: der radikale baskische Rock. Die zweite Generation dieser Musiker kämpft leiser.

Es dämmert, als Piti den ersten Riff an­stimmt – gleichförmig, abwartend. Ein Zeichen für Asier, mit dem Beat loszulegen, ein Blick für Aiora, die gerade noch mit einer blauen Haarsträhne gekämpft hat und jetzt mit einem hellen „Aha“ einsteigt. Als die Musik anschwillt und der Song „Oihu“, der Schrei, zu dem wird, was er verspricht, wirft Piti seine Locken auf und ab. Zea Mays spielen, als stün­den sie wieder im Stadion von Athletic Bilbao vor 50 000 Zuschauern. Als wäre es nicht nur eine Probe für ihr neues Album im Dachgeschoss eines alten Fabrikgebäudes in Bilbao, auf das ein beharrlicher Frühlingsregen prasselt.

Eine Rockband also, jugendlich wild und doch würdig gereift, boden­ständig trotz 1,5 Millionen Youtube-Klicks, eine Band, die seit fast 20 Jahren erfolgreich ist. Aiora singt im gepunkteten Kleid mit viel Symbolkraft, dass jeder Winter zu Ende gehe. Aus der Decke über den Musikern quillt Isoliermaterial, darun­ter ein Schild mit Songnamen.

Was macht einen Basken aus? Die Frage nach der kulturellen Identität stellen sich die Bewohner des nach Unabhängigkeit strebenden Baskenlands drän­gender als anderswo. Neben den Tugenden wie Ehre, Stolz und Fleiß, der Beherrschung einer fremdartigen Sprache und einer scheinbar erbli­chen Begeisterung für den Fußballclub Athletic Bilbao haben sie den Spruch: Ein Baske, der am Meer lebt, surft. Alle anderen spielen in Bands.

„Wir wollten uns mit niemandem gemein ma­chen“, sagt Aiora Rentería, die rundliche Sänge­rin, die es liebt zu provozieren. Sie hat den Gitarristen Piti Imaz, der ihr Freund ist, den Bassisten Rubén González, und Asier Basabe, Entertainer und Schlagzeuger, während ihres Musikstudiums kennengelernt. Gemein­sam gewannen sie mit einem Sound, der an Queens of the Stoneage erinnerte, auf der Stelle einen Musikwettbewerb. Dann liefen ihre Alben bei den unabhängigen Radiosendern. Von Anfang an war klar, dass Aiora auf Baskisch singt. Inzwischen un­terrichtet sie die Sprache an einer öffentlichen Schule, Piti arbeitet bei einer Putzfirma. Asier, der Schlagzeuger, hat zwei Kinder.

Das Baskenland erlebte in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit etwas Verzögerung den euro­päischen Babyboom. Die Region profitierte von ihren Industriezentren: Bilbao stellte einen großen Teil des weltweit pro­duzierten Eisens her. Dann kam der EU-Beitritt, der spanische Markt wurde mit Produkten aus ganz Europa überschwemmt und viele Basken arbeitslos. Ihre Kinder wuchsen in den Achtzigerjahren auf, einer trostlosen Zeit der Orientierungslosigkeit und Militarisierung. Die Entscheidungen wurden im fernen Madrid getroffen, wo auch die Rufe nach Unabhängig­keit verhallten. „So viel Polizei, so wenig Spaß. Depression, Depression“, sang die Punkband Eskorbuto 1983. So organisierte die patriotische Linke Musikveranstaltungen für die frustrierten Jugendlichen. So entstanden Bands, die von Radikalität und Drogen lebten und sich unter dem Motto „Rock Radical Vasco“, radikaler baskischer Rock, zusammenfanden. Davon übrig ge­blieben sind viele Konzertsäle, legale wie illegale.

Nach ihren Proben im Industrieviertel Iralabarri fahren Zea Mays meistens noch ins Stadtzentrum. Piti sitzt am Steuer seines kastigen Dienstwagens, Aiora daneben, im Kof­ferraum poltern Wischmops und Reinigungsmittel. Der Weg führt durch Rekalde, ein vernachlässigtes Viertel, vorbei an einem brach liegenden Gelände. „Das war unser Kukutza“, sagt Piti und deutet auf ein von Unkraut bewachsenes Gelände. „Das Viertel vergisst nicht und vergibt nicht“, steht auf einer Mauer. In der trostlosen Gegend haben lange Fabrikarbeiter, dann Ar­beitslose gewohnt. Irgendwann beschlossen die Bewohner, ihre Kultur selbst in die Hand zu nehmen. Kukutza war ab den Neunzigern eines der vielen besetzten Häuser, die im Bas­kenland als Gaztetxes bekannt sind: ein Jugend­zentrum, in dem Musik gemacht, gekocht, dis­kutiert und geschlafen wurde. 13 Jahre gab es den Treffpunkt, dann ließ die Stadtverwaltung das Haus 2011 gewaltsam räumen und abreißen. Zea Mays haben ein Lied darüber geschrieben. „Kukutza“, steht auf einem Poster im Proberaum, und es steht noch immer für ihr Gefühl von Ohnmacht und Empörung.

Später sitzen Aiora und Piti im Muga, einer Kneipe in der Altstadt, die eher für ihre Verbin­dung zum baskischen Rock der Achtziger als für ihre Tapas bekannt ist. Die Barkeeperin fragt auf Baskisch nach der Bestellung. Dass Zea Mays nur baskische Songtexte haben, ist für sich genommen schon ein politisches Statement. Zur Zeit der Diktatur in Spanien hatte die vorindogermanische Sprache keine Chance. Nach dem Tod Francos wurde die „Baskisierung“ deshalb umso heftiger betrieben. Seit 1980 regiert fast ununterbrochen die Bas­kische Nationalistische Partei. In einem Großteil der Schulen wurde Baskisch als Unterrichtssprache eingeführt. Zea Mays gehören zur zwei­ten Rockmusiker-Generation nach Francos Tod, sie sind weniger aggressiv, weniger direkt in ihrer Systemkritik als der radikale baskische Rock. „Relativ unpolitisch“ nennen sie das.

Piti lehnt sich über den Tisch, umfasst sein Bier wie den Arm eines alten Freundes und spricht über seine Vorbilder. La Polla zum Bei­spiel, die als Symbol der Rebellion gegen alles in die Geschichte des baskischen Rocks eingingen. „Damals waren wir abends in den Bars immer auf der Hut, weil jederzeit die Polizei kommen und alle Anwesenden festnehmen konnte.“ Die Angst vor revolutionären Gedanken war in der Zeit, in der die ETA erstarkte, groß. Heute ist es ruhiger geworden. Jetzt spielen Zea Mays in besetzten Häusern, auf Protestveranstaltungen gegen Gen­trifizierung und Sparpolitik. Aiora trinkt an diesem Abend zwei Bier, Piti vier. Die wilden Zeiten sind vorbei. am nächsten Morgen hat Aiora Schule. Bis die Tür der Bar hinter ihnen zufällt, hat keiner der Musiker das Wort „ETA“ in den Mund genommen.

Am Tag darauf ist Piti auf den Hügeln von Bil­bao unterwegs. Er war bei einem Kunden, Aiora sitzt daneben, der Schultag ist geschafft. Zeit für ein Ge­spräch über Aktivismus. Woher kommt sie also, diese nationale Überzeugung? „Wir Basken sind von Grund auf kritisch“, sagt Aiora, im Radio läuft Status Quo. „Wir machen die Dinge am liebsten selbst. Die Politik, die Medien, das ganze System – das meiste können wir bes­ser.“ Schon zu Francos Zeiten gab es Schulen, in denen illegal Baskisch gelehrt wurde. Um sie zu finanzieren, veranstalteten die Anwohner große Feste. Die gibt es immer noch: Bei den Fiestas de Bilbao treten jedes Jahr die Comparsas, eine Art Karnevalsvereine, auf. Jede Gruppierung hat ihre eigene: die Schwulen, die Feministinnen, die freien Radios, Einwanderer.

Für später haben sich Zea Mays im Kafe Antzo­kia verabredet. Wer in Bilbao lebt, muss diesen Ort kennen. Hier treffen sich die Jugendlichen der Stadt. Offiziell ist das ehemalige Kino seit 20 Jahren ein Konzertsaal, aber es ist auch Theater, Bar, Kindertagesstätte, Café, Mensa, Club. Im vierten Stock sitzen in einer Sprach­schule Jugendliche und Erwachsene vor Tafeln mit komplexen baskischen Wendungen, unter dem Dach arbeiten die Redakteure des legendären Radiosenders Bilbo Hiria, die ihre Nachrichten (natürlich) auf Baskisch verbreiten. Eine Gruppe Lehrer hat das Kafe Antzokia zu einer Zeit ge­gründet, als es außerhalb der Klassenzimmer für Schüler kaum eine Möglichkeit gab, Baskisch zu sprechen. Eine Enklave.

Zea Mays sind schon oft im Kafe Antzokia aufgetreten, zuletzt bei einer David-Bowie-Gedenkveranstaltung mit dem Song „Rebel Rebel“. Andoni Fernández Manterola, ihr Ma­nager, ist dabei, seit 2010 arbeiten sie zusammen. Er kennt jede baskische Band, für viele hat er Werbekampagnen gemacht: „90 Prozent der Platten sind heute selbst produziert“, sagt Andoni. Aber jetzt müsse man sich Sorgen ma­chen. Welche dieser neuen Bands singe schon noch auf Baskisch? Irgendwann, sagt Andoni mit bedeutungsschwerer Stimme, werde es mehr englischsprachige Rapper in Bilbao geben als baskische Rocker.

Es gibt eine Theorie, die von prospanischen Basken vertreten wird. Sie besagt, dass Erfolg und Einfluss der legalen und illegalen Jugend­zentren, der Gaztetxes und der Kafe Antzokias allein der jungen Generationen zu verdan­ken sei. Ein im Baskenland aufwachsendes Kind spüre schon bei seinen ersten Schritten die gesellschaftliche Abgrenzung, die Teil der Erziehung und Schulbildung sei. Je älter ein Baske werde, je beruflich und sozial vernetzter, desto weniger interessiere er sich für die Jugend­zentren, die patriotische Linke, die Sprache, die auf den Straßen von Bilbao zu sprechen immer auch ein politischer Willensakt ist. Was diese Kritiker implizieren: Die baskische Unabhängig­keits-Bewegung funktioniere nur noch von oben nach unten, kalkuliert, nicht natürlich.

Es ist spät geworden. Die Band ist zurück in der Altstadt und steuert abseits der Trampel­pfade der Erasmusstudenten auf die Herriko Taberna zu. Auch so ein Gaztetxe: Treffpunkt der patriotischen Linken, der eine große Nähe zur ETA nachgesagt wird. Heute sind hier Paare ins Gespräch vertieft, Jugendliche spielen Kar­ten. An den Wänden hängen die Bilder der noch internierten Unabhängigkeitskämpfer, derjeni­gen, die zu Gewalt bereit waren. Auch derjenigen, die nur demonstriert hätten, wendet Piti ein.

Wenn man ihnen zuhört, diesen alternativen Musikern mit den verträglichen Rocksongs, möchte man ihnen glauben. Dass die Welt unge­recht ist. Dass es ihre Aufgabe ist, nach Unab­hängigkeit zu streben. Dass Nachgeben keine Option ist, weil die Baskisierung damit beendet würde. Aber eigentlich steht da nur eine erfolg­reich kritische Band in einer Stadt, die eigen­tümlich baskisch ist. Aiora verrät, dass das nächste Album vom Regen handeln werde. „Ura“, das Wasser, und „Euria“, der Regen, seien einfach wunderschöne baskische Wörter. Mit gerade so viel Patriotismus lebt es sich gut.

Die Zeitgeber - F.A.S.

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Die Saubermänner - Süddeutsche Zeitung

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